Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung


Matthias Jung

Matthias Jung

Matthias Jung hat uns erlaubt, seinen Artikel auch hier zu veröffentlichen, in dem er sich mit unseren aktuellen Weltbildern der Ökonomie und des Arbeitsmenschen auseinandersetzt und entwickelt ein völlig neues Leitbild, eine Vision oder Utopie einer neuen Gesellschaftskultur. Es ist ein Perspektivwechsel, über den es sich lohnt, zu reflektieren:

Das Bedingungslose Grundeinkommen – ein aktuelles theologisches Leitbild?

1. Luthers Glaubenserkenntnis: Bedingungslos geliebt

Ina Praetorius hat in einem Interview auf die Frage geantwortet, wie sie theologisch ihr Engagement für das Bedingungslose Grundeinkommen begründet: Gott liebt bedingungslos und diese Liebe ist ein Vorschuss, dem entspricht das Prinzip eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diesen Satz halte ich für bemerkenswert einfach, präzise und zutreffend. Luthers reformatorische Erkenntnis bestand in der Einsicht, dass Gott mir seine Gnade bedingungslos schenkt. So schreibt er in seiner Schrift: »Von der Freiheit eines Christenmenschen«:

Die Person »wird aber nicht durch Gebote und Werke, sondern durch Gottes Wort (das ist durch seine Verheißung der Gnade) und den Glauben gerecht und selig, damit die göttliche Ehre Bestand habe, in der er uns nicht durch unser Werk, sonder durch sein gnädiges Wort umsonst und in reiner Barmherzigkeit selig mache.« (Abschnitt 24)

Mit eigener Leistung, mit »Werken«, kann diese Liebe niemals verdient und Gott mir gnädig gestimmt werden. Ich kann es nicht, ich muss es nicht und ich brauche es nicht, denn seine Liebe ist der Vorschuss, mit dem ich das Licht der Welt bereits betrete. Diese Grunderkenntnis des Glaubens kann und muss immer wieder für das Leben der Menschen fruchtbar gemacht werden
In diesen Jahren wird die reformatorische Glaubenserfahrung in der EKD im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 ins Auge gefasst. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, schreibt dazu in einem Aufsatz zur Vorbereitung der EKD-Synode 2012:

»Das Reformationsjubiläum will ein angstfreieres Selbstbewusstsein des heutigen Menschen bestärken. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Neuentdeckung Gottes verbunden werden, der sich im Unterbrechenlassen der eigenen Geschäftigkeit, im Staunen über die Geheimnisse des Lebens und im Innehalten vor Gottes Wort konkretisieren soll. (…) Mit dem Jahr 2017 soll ein Prozess der Stärkung des werteorientierten Selbstbewusstseins verbunden werden, der die Menschenwürde für jeden Einzelnen achtet und zugleich die Solidarität mit allen stärkt. Das Reformationsjubiläum will die wertvolle, werthaltige Verantwortlichkeit des heutigen Menschen befördern.« (Gundlach, Eine existentielle Lesart der Reformation, S. 97)

Angstfreiheit, Selbstbewusstsein, Achtung der Menschenwürde und Solidarität als zentrale Stichworte liegen auch in der Idee eines BGE angelegt. Daher scheint es mir sinnvoll, die reformatorische Erkenntnis von der bedingungslosen Liebe Gottes auf die innere Logik des BGE hin zu befragen.

2. Leistung und Lohn

Zunächst gilt es zu klären: Was ist Leistung? Und was Lohn? Und wie hängen beide zusammen? Leistung ist in verschiedensten Formen notwendig für unser Leben und Überleben. Menschen müssen arbeiten, Anstrengungen erbringen, um ihr Überleben zu sichern, um Kultur zu schaffen, kurz: um das gute Leben aller als Ziel anzustreben – und Menschen wollen sich auch einbringen, teilhaben, arbeiten. Allerdings begibt man sich mit dieser Fragestellung sofort in einen unübersichtlichen Dschungel der Begrifflichkeiten. Was »Arbeit« ist, kann kaum mehr definiert werden und wie Arbeit von Tätigkeiten abgegrenzt werden kann, ist ebenso umstritten. Zugleich wird nach wie vor mit Arbeit und Arbeitsleistung immer zuallererst Linie Erwerbsarbeit assoziiert und andere »(Arbeits-) Leistungen« ausblendet oder als unbedeutender betrachtet. Von daher macht es Sinn, auszugehen vom allgegenwärtigen und gewohnten Verständnis des Leistungsbegriffs in der Ökonomie – ohne die genannten Einengung aus dem Blick zu verlieren.

In den Wirtschaftswissenschaften wird mit Arbeitsleistung »das Ergebnis einer zielgerichteten Anstrengung von Menschen in Verbindung mit dem Einsatz von Betriebsmitteln pro Zeiteinheit bei bestimmter Arbeitsqualität« bezeichnet. (Wikipedia »Arbeitsleistung«) Allerdings lässt sich dieser ökonomische Begriff durchaus erweitern auf die Tätigkeiten, die nicht der Erwerbsarbeit zuzuordnen sind. So definiert Eberhard Ulich im ersten Satz seiner Arbeitspsychologie Arbeit als eine »Tätigkeit, durch deren Ausführung der oder die Arbeitstätige zur Schaffung materieller oder immaterieller Werte für sich und/oder andere beiträgt.« (Ulich, Arbeitspsychologie S. 1)

Ohne Leistung ist Leben nicht möglich, materielle und immaterielle Güter gilt es zu erarbeiten. Hier liegt auch nicht das Problem, denn Leistung will der Mensch erbringen. Den faulen Schmarotzer wird es geben, aber er ist zahlenmäßig zu vernachlässigen. Er ist vielmehr ein Zerrbild gegenwärtiger Ökonomie, das gerne herangezogen wird, wenn sich Menschen unwürdigen, schlechten Arbeiten (zu Recht!) entziehen möchten. Und hier liegt auch der Übergang zur grundlegenden Frage: Was motiviert, bewegt mich zur Leistung? Menschen wollen arbeiten, werken, schaffen, sich ausdrücken und einbringen, das steht außer Frage. Da Arbeit und unser Leben insgesamt (»arbeitsteilig«) organisiert werden muss, stellt sich die Frage nach den grundlegenden Bewegungsprinzipien. Ein Arbeits- und Wirtschaftssystem braucht eine innere Antriebslogik. Hier sehe ich, vereinfacht gesprochen, zwei gegensätzliche Prinzipien »am Werk«: Eine Vorschusslogik und eine Bewährungslogik. Beiden hängen untrennbar mit Menschenbildern zusammen, beide sind daher auch theologisch zu reflektieren und zu bewerten. Ich möchte sie kurz skizzieren. Die Gegenüberstellung mag überzeichnet wirken, das scheint mir aber akzeptabel zu sein. Die alltägliche Realität ist immer komplex und kompliziert, daher brauchen wir »Brillen«, um im Dickicht etwas erkennen zu können.

3. Bewährungslogik

Die Bewährungslogik (hier nehme ich Gedanken von Ulrich Oevermann auf) ist das heute gängige Bewegungsprinzip des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystems. Es besagt: Leistung muss sich lohnen, Leistung muss belohnt werden, Leistung spornt daher an. Jede/r ist verpflichtet sich mit ihren/seinen Möglichkeiten an der Leistungserbringung zu beteiligen, und zwar um der Gemeinschaft willen. Es gilt sich zu bewähren und dafür den Lohn zu erhalten. Wer keine Leistung erbringen kann, weil er zu alt, zu jung, oder krank ist, der wird von der Gemeinschaft abgesichert. Nur deshalb. Auf dem »nur« liegt der Akzent. Abgesehen davon hat sich jeder Mensch zu bewähren und einzubringen, Leistung zu bringen. Und zwar in dieser Reihenfolge: Erst Leistung, dann Lohn. Ganz selbstverständlich wird heute von Hartz-IV-»Leistungen« gesprochen. Auch die Absicherung ist eine »Leistung« des Staates, der Gemeinschaft und diejenigen, die darauf angewiesen sind, werden so schon mit dem Begriff daran erinnert, wo sie in der Gesellschaft stehen, nämlich außen oder unten, weil sie nichts leisten können, sondern Leistungen »empfangen« müssen. Dies führt dann in der Praxis zu den bekannten, oft quälenden Überprüfungen (warum, wieso, wie lange) und zu der Tendenz, Schuld und Versagen dem oder der Einzelnen zuzuschreiben: nicht das System ist verkehrt, sondern du bist es, weil du deine Leistung nicht bringst. Schäm dich. (»blame the victims«).
So wird eine verhängnisvolle Schieflage erkennbar: Es geht hier zwar nicht um die Selbstrechtfertigung vor Gott (»Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«) sondern um die Rechtfertigung in und vor der Gesellschaft (»Wie werde/bleibe ich leistungsfähig?«). Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leisten kann, ich bin nichts wert, weil ich nichts leisten kann. Luther empfand und formulierte Gott gegenüber, der heutige sog. säkulare Mensch gegenüber »der Gesellschaft«: Wie bekomme ich eine gnädige Gesellschaft? Durch Leistung im System, das mir für meine Anstrengung die Belohnung erteilt. Ich muss Leistung erbringen, und möglichst immer noch mehr, weil dieses Wirtschaftssystem auf Wachstum hin angelegt ist. Ein »Mehrwert« muss erzielt werden, sonst funktioniert das System nicht. Die Anerkennung gibt es nachgängig, weil ich mich sonst aus dem System verabschiede und Schmarotzer sein will, der auf Kosten anderer lebt…
Anders gesagt: Leistung bestimmt unsere Welt und macht unseren Wert aus. Daran hängen wir unser Herz, an die Leistung, wir glauben an die belohnende Gerechtigkeit. Wir glauben an den Gott der Leistung. Dieser Leistungsgott ist ein gnadenloser Gott: er belohnt die Tüchtigen, diejenigen, die sich bewährt haben und stößt alle anderen in den Abgrund. Er sagt: du bist schuld, hättest du dich mehr angestrengt, dann… Und am Ende glaube ich es und denke, ja, ich bin schuld, ich habe mich nicht genug angestrengt…
Fatalerweise führt das Prinzip zwangsläufig zum Vergleichen, das »immer mehr, immer besser« zwingt zur Konkurrenz. Unbezweifelbar klingt in diesem Prinzip auch ein Ansporn zum Wettbewerb an und viele Errungenschaften sind auf Basis dieses Prinzips in den letzten Jahrhunderten entstanden, aber nun kommt es an Grenzen und die Rückseite eines auf Wachstum basierenden nachgängigen Leistungs- und Belohnungssystems wird erkennbar: der fortschreitende Ressourcenverbrauch und eine Unzahl unsinniger Güter, die nach Begrenzung schreien. Das Bewährungsprinzip durchdringt mehr und mehr unsere ganze Lebenswirklichkeit. Der viel beschworene »homo oeconomicus« sucht tendenziell alle Lebensbereiche unter der Bewährungslogik zu vereinnahmen: Bring Leistung, nimm so am Leben teil und investiere die Belohnung erneut ins System, um noch »besser« zu werden, dir noch mehr »leisten« zu können, du hast es dir ver-»dient«.

4. Vorschusslogik

Die Vorschusslogik als Anerkennungs- und Motivationsprinzip sagt dagegen: Du bist gut und lebenswert. Du hast ein Recht auf Leben und Unterhalt und Fülle. Und zwar bedingungslos. Dieser Gedanken entspricht der Vorstellung des bedingungslos liebenden Gott, der unverdient ins Leben ruft, einen »Vorschuss« gibt und mich/uns wirken lassen möchte. Bedingungsloser Vorschuss setzt auf Hoffnung statt auf Bewährung, auf Motivation zur Leistung statt auf Forderung von Leistung. Sein Menschenbild baut auf Vertrauen und Zutrauen (»Du kannst«) und nicht auf Kontrolle und Zwang (»Du musst«).

In diesem Prinzip erkaufe ich mir nicht mit Leistung welcher Art auch immer Anerkennung, muss mich zuerst nicht bewähren und werde darin und danach anerkannt. Ich bekomme meinen »Lohn« als Vorschuss. Und zwar bedingungslos. Bringe ich die Leistung nicht, bewähre ich mich nicht, warum auch immer, so muss ich den Vorschuss nicht zurückzahlen. Es gibt Sicherheit, wenn mein Lebensunterhalt gesichert ist und ich nicht mit schlechtem Gewissen wegen meiner mangelnden Leistungsfähigkeit durchs Leben laufen muss. Hier bietet sich als gesellschaftliches Modell und theologisches Leitbild das BGE an. Aufgabe von Theologie ist es auch, Leitbilder für das Leben zu finden, welche auf gegenwärtige Herausforderungen angemessen »antworten«: Sie müssen sich mit der biblischen Tradition verbinden lassen und anschaulich sein.

An allen Ecken und Enden ist heute die Rede davon, dass wir ein anderes, nachhaltiges Wirtschaftssystem benötigen, auf eine Postwachstumsgesellschaft zugehen müssen, wenn die »multiplen Krisen« der Gegenwart bewältigt werden sollen. In der Analyse sind sich viele Fachleute – bei allen Unterschieden im Detail – einig. Es stellt sich aber – neben dem Streit um die richtigen Entscheidungen – immer wieder die Frage nach dem inneren Gestaltungsmotiv. Die Idee des BGE könnte solch ein Leitbild darstellen, weil es offen und anschlussfähig zugleich ist und zum Handeln motiviert, weil es eine Zukunftsperspektive so aufspannt und zugleich an die biblische Tradition anknüpfen lässt.
Die Bibel spricht davon, dass ein Leben in Fülle Geschenk Gottes ist, stellt den Rahmen dar, in dem sich Leben vollzieht.

»Gott gehört die Erde und ihre Fülle, die Welt und die in ihr leben.« (Psalm 24,1 BigS)

Der Mensch ist nicht Eigentümer der Erde, sondern er soll und darf von ihr und auf ihr leben, er darf sie nutzen, aber nicht verbrauchen. Eigentümer der Erde bleibt Gott, das ist eine erste Begrenzung allen menschlichen Denken und Handelns.

»GOTT, bis über den Himmel hinaus reicht deine Freundlichkeit, deine Verlässlichkeit bis zu den Wolken. Mensch und Tier befreist du, GOTT. Wie kostbar ist deine Freundlichkeit, GOTT! Menschen bergen sich im Schatten deiner Flügel. Sie sättigen sich an der Fülle deines Hauses. Vom Bach deiner Freude lässt du sie trinken. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.« (Ps 36, 6-10a BigS)

Gott ist Quelle des Lebens, er stellt Fülle zur Verfügung, von der alle leben können, zugleich wird diese schöpferische und erhaltende Wirksamkeit Gottes eingeordnet in die Qualifizierung Gottes als freundliches, verlässliches Gegenüber.

Die Logik einer bedingungslosen Liebe Gottes, die jedem das gibt, was er braucht, wird von Jesus formuliert und zugespitzt. Als Beispiel mag das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gelten. Zwar verbleibt die Erzählung in der Logik, dass für Arbeit ein Lohn gezahlt wird, also die Bewährung (zeitlich) der Entlohnung voraus geht. Und doch wird diese Logik (sachlich) von der Vorschusslogik durchbrochen, die jedem Arbeitenden zuspricht, was er fürs Leben braucht, einen Denar. Als Diejeinigen aufbegehren, die länger gearbeitet haben, mehr Leistung bringen konnten,antwortet der Weinbergsbesitzer:

»Ich tue dir kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm, was dir gehört und geh! Ich will nämlich diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder ist es etwa nicht erlaubt, mit meinem Eigentum zu machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, weil ich gütig bin?« (Mt. 20,13 BigS)

Auch hier wird der aufrechnende Zusammenhang von Arbeit und Entlohnung durchbrochen, Gottes Güte will jedem geben, was er zum Leben braucht.
Von der bedingungslose Liebe als Grundprinzip Gottes spricht schließlich reflektierend auch Paulus:

»Denn ich verlasse mich darauf: Weder Tod noch Leben, weder himmlische noch staatliche Mächte, weder die gegenwärtige Zeit noch das, was auf uns zukommt, weder Gewalten der Höhe noch Gewalten der Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf können uns von der Liebe GOTTES trennen, die im Messias Jesus lebendig ist, dem wir gehören.« (Röm 8, 38f, BigS)

Diese biblischen Aussagen sind kompatibel mit Luther und seiner Rede vom gnädigen Gott, der mich (und uns) bedingungslos liebt:

»Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen.« (Freiheit eines Christenmenschen, Abschnitt 27)

Hier geschieht eine vorgängige Anerkennung meiner Person und meines Wertes, den ich mir nicht verdienen muss. Diese Anerkennung der menschlichen Würde ist auch Grundprinzip des Grundeinkommens, das in vielen Diskursen bereits eine wesentliche Rolle spielt. So ist dieses aus dem Glauben begründete und motivierte Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip anschlussfähig an alle Initiativen, die sich um die Zukunft sorgen und nach Wegen im Blick auf die »Große Transformation« und einen neuen Gesellschaftsvertrag suchen. Angeboten wird eine Einordnung meiner Person, meiner Möglichkeiten, in einen realistischen begrenzten und begrenzenden Rahmen. Die »Ethik des Genug«, für die der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider derzeit wirbt, erinnert uns auch an unsere Begrenzungen im Handeln. Überforderung fließt nicht aus dem Evangelium, eher die schmerzhafte Einsicht, nicht alles zu können – und am Ende eventuell zu scheitern. Im Grundeinkommen liegt daher auch der Gedanke des »Lassen-Können« mit angelegt: Weil ich abgesichert bin und zwar auf Vorschuss, kann ich auch meine Grenzen erkennen und anerkennen, weil die Leistung nicht über mein Wohl und Wehe entscheidet. Das BGE bietet sich daher als Antwort auf die Krise des heutigen Arbeitssystem an, die sich in diesen Tagen in Presseberichten spiegelt, das die Arbeitsmotivation weltweit (!) in den letzten Jahren gesunken ist.

5. Bedingungslose Liebe Gottes und bedingungsloses Grundeinkommen

Mit dem Reformationsjubiläum 2017 besteht schon allein pragmatisch gesehen die Chance, die Sprengkraft der reformatorischen Grunderfahrung auf vielen Feldern in Kirche und Gesellschaft neu durch zu buchstabieren. Und das gilt auch für die drängende gesellschaftliche und globale Herausforderung, ein neues Arbeits- und Wirtschaftssystem zu finden, dass den »Wirtschaftswachstumswahnsinn« (Frithjof Bergmann) überwinden kann. Theologisch muss sich solch eine Neuorientierung an einem Menschenbild orientieren, das Menschen vom Vorschuss her leben lässt und nicht von der Bewährung. Entspricht nicht einer in die Leere laufenden Werkgerechtigkeit (die zur Reformationszeit auch wirtschaftliche Implikationen beinhaltete) heute eine in die Leere führende »Werk«-Gerechtigkeit, die mir vorgaukelt, du bist nur etwas, wenn du etwas tust, ja, du bist nur das, was du leistest? Luthers Kampf galt dem Versuch, durch »Werke« Gott gnädig zu stimmen und erkannte, dass dieser Weg und das dahinterstehende Menschenbild in die Irre führt. Unser Kampf muss heute vielleicht darin liegen, die bedingungslose Liebe Gottes gegen ein anderes in die Irre führendes System von Werkgerechtigkeit ins Feld zu führen. Glaube an den mich, uns und die Welt bedingungslos liebenden Gott impliziert ein neues Selbst- und Weltbild. Bedingungslos geliebt zu sein impliziert ein anderes Selbst- und Weltbild als auf Bewährung angewiesen zu sein.

Das BGE ist ein alternatives Modell zum heutigen Arbeitssystem, welches unser Wirtschaften verändern würde. Als Denkalternative eröffnet es Perspektiven des Handelns, ebenso wie die Postwachstumsökonomie von Nico Paech. Beide – und es gibt sicher noch mehr – zeigen zunächst und vor allem Alternativen im Kopf auf, das (all-)gegenwärtige, neoliberal ausgerichtete Wirtschaftssytem mit seinen katastrophalen, demotivierenden und zerstörerischen Folgen überhaupt sinnvoll in Frage stellen zu können. Dies eröffnet Freiheit zunächst im Kopf, befreit aus der Öde einer alternativlosen Resignation.

Ein vorschießendes Grundeinkommen lässt mich durch- und aufatmen – und dann Leistungen erbringen, wo ich will und wie ich will. Denn es steht außer Frage, dass der Mensch im Grund seines Herzens tätig sein will. Luther hat diese Logik in der Freiheit des Christenmenschen verortet, der von Gott alles geschenkt bekommt und in Folge nicht anders kann, als sich dem Nächsten tätig zuzuwenden. Menschen wollen Leistung bringen, wollen sich einbringen und bewähren. Entscheidend ist aber das Setting, der Rahmen in dem dies geschieht. Kaum etwas macht Menschen so sehr zufrieden wie eine Arbeit, die ich wirklich, wirklich will, meint der Philosoph Frithjof Bergmann (und er bezieht dies keineswegs nur auf die Erwerbsarbeit) – und wenn ich eine solche Arbeit habe, vergesse ich Raum und Zeit. Und dafür steht mir dann auch »Lohn« zu, in welcher Form auch immer. Wenn wir heute einem anderen System von Arbeit, Wirtschaften und Leben suchen, dann müssen wir auch nach den inneren Antriebsmotiven des bisherigen und möglicher künftiger Systeme fragen. Und hier empfinde ich den Gegensatz von vor- und nachgängiger Anerkennung im Gegenüber von vorschießendem Grundeinkommen und belohnendem Bewährungsprinzip als hilfreiche Denk- und Erkenntnisperspektive. Auch die bedingungslose Liebe Gottes bleibt nicht folgenlos, sie erwartet die Bewährung in der Leistung. Torsten Meireis zieht hier den Dienstbegriff heran:

»Die Motivation dieses Dienstes stammt aus den Einsichten des Glaubens, der Wirkung der Liebe und dem Geschenk der Hoffnung. Die Dienst impliziert keine heteronome Unterordnung, er erzwingt keine Selbstverleugnung oder Selbstaufgabe, aber er erfordert Selbstbestimmung in höchstem Maße. (… Dieser Dienst) wird grundsätzlich durch die Fülle der auf die Schöpfung hin durchsichtigen Natur, aus er wir leben, ermöglicht. Ein Leben, in dem wir – jeder und jede für sich – über das Vermögen zu demjenigen Dienst verfügen, zu dem wir individuell berufen sind, können wir ein ›Leben in Fülle‹ nennen.« (Meireis, Tätigkeit und Erfüllung, S. 537)

Als theologisches Gegenargument wird hier zuweilen auf eine andere Tendenz in der evangelischen Tradition verwiesen, die dem Gedanken eines BGE grundsätzlich zu widersprechen scheint: das »protestantische Arbeitsethos«, das auf Pflichterfüllung, dauerhafte Leistungsbereitschaft und ruhelose Tätigkeit setzt. Dieser Gedanke wird zumeist mit Max Webers großer Untersuchung »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« in Verbindung gebracht – zu Unrecht, wie nicht nur Meireis weiß:

»Die ›protestantische Arbeitsethik‹ lebt – zwar schon lange nicht mehr im Protestantismus, wie bereits Max Weber wusste, aber im Baukasten der Stereotype, die den Protestantismus beschreiben.« (Meireis, S. 538)

Ganz abgesehen davon handelt es sich bei dem Verweis auf das protestantische Arbeitsethos um ein doppeltes Missverständnis. Zum einen geht es nicht darum, das Leistungsprinzip auszuhebeln, sondern es wird die Frage nach der grundlegenden sinnvolleren Motivation gefragt. Zum anderen geht es beim BGE nicht um ein finanzielles Schlaraffenland, sondern um eine grundlegende Absicherung des zum Überleben nötigen und darüber hinaus in bescheidenem Maße am Kultur und Gesellschaft dort teilnehmen zu können, wo es nur mit finanziellen Mitteln möglich ist. Nicht der auf der faulen Haut liegende Schmarotzer folgt theologisch aus der bedingungslosen Liebe und einer auf Vorschuss setzenden Motivation zur Leistung, sondern der einsatzbereite Mensch. Wer sich hier auf dem BGE ausruht, verfehlt den von Gott gedachten Sinn des Lebens – es sei denn, er oder sie versteht eine Lebensphase als Sabbat-Zeit, ein Gedanke, der sich auch, eher marginal, im Rahmen des heutigen Arbeitssystems findet. Anders gesagt: »Sünde« ist nicht nur im Rahmen des gegenwärtigen Arbeits- und Wirtschaftssystem denkbar, selbstverständlich in jedem anderen System genauso, denn kein System ändert den Menschen, nur der Zuspruch und die Annahme der bedingungslosen Liebe im Glauben.

Die Diskussion um das BGE ist mittlerweile unübersehbar und unübersichtlich. Hilfreich scheint mir zunächst die Erkenntnis Reitters, dass die Idee des Grundeinkommens sich in den dreißig Jahren unabhängig von den »großen« gesellschaftlichen Institutionen entwickelt hat. Es ist keine politische Idee einer Partei, sondern ein Reflex auf die Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Siegeszug einer neoliberal ausgerichteten Wirtschaft weltweit vollzogen haben. Daher liegt im BGE gerade die Chance, »überparteilich« eine Diskussion zu führen, die sich nicht an den gängigen Mustern von rechts, links, grün oder wie auch immer orientiert (wenn auch verschiedene Parteien anfangen, sich der Diskussion zu öffnen).

Martin Booms (»Ideal und Konzept des Grundeinkommens«) hat in der Diskussion um ein BGE hat drei Potentiale ausgemacht: das Potential der Denkraumerschließung, das utopische und das politisch-diskursive Potential. Denkraumerschließung meint, dass alle Konzepte des Grundeinkommens die gemeinsame Idee der Entkoppelung von Einkommen und Erwerbsarbeit verfolgen und diese als »Gegenbild« in die Diskussion einbringen. Das utopische Potential erwächst aus der Erkenntnis, dass das Grundeinkommen derzeit noch u-topisch, ohne Ort in der Gesellschaft sei – letztlich aber in jedem Gesellschaftsmodell ein utopisches Element aufleuchtet, das sich in der jeweiligen Gestaltungsherausforderung konkretisiert. Die Chance des politisch-diskursiven Potential schließlich liegt darin, ein anderes Modell von Kultur in die Diskussion einzubringen und zugleich mit dieser Diskussion einen Teil dieser Kultur in der Gesellschaft bereits zu schaffen.

Booms zeigt so auf, dass die Idee des Grundeinkommens viel mehr ist als »nur« ein anderes, vereinfachtes Sozialsicherungssystem. Es zielt auf eine umfassende Veränderung des Denken, Lebens und Arbeitens. Es ist keinesfalls eine rein und schon gar nicht primär eine sozialpolitische oder wirtschaftsethische Fragestellung, sondern im Kern ist das Grundeinkommen eine anthropologische Frage: Wie wollen wir leben und arbeiten? Und darin verborgen liegt die Frage, welches Menschenbild hinter unseren Handlungssystemen steht und wie wir diese bewerten. Das Grundeinkommen schlägt einen Perspektivwechsel von der Fixierung auf Belohnung als Folge von Bewährung hin zu einer Logik des Vorschusses und buchstabiert diesen Wechsel auf allen Ebenen unserer gesellschaftlichen Lebens durch.

Am Anfang steht das Potential der Denkraumerschließung. Booms verweist darauf, dass die sehr unterschiedlichen Konzepte eine gemeinsame Idee in die Diskussion einbringen: die Idee einer prinzipiellen Entkopplung von Einkommen und Erwerbsarbeit. Er verweist auf die Tatsache, dass auch hinter der heute gängigen Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Einkommen, zugespitzt in der Leitidee der Normalarbeitsverhältnisses, normative Vorentscheidungen liegen, kurz gesagt: auch das heute so gewohnt und vertraut scheinende Arbeits- und Wirtschaftssystem ist nicht naturhaft vorgegeben, sondern beruht auf menschlichen Entscheidungen. Diese Idee eröffnet einen Denkraum in dem es zunächst darum geht, diese Idee der Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Entlohnung zu verstehen (d.h. nicht, sie gleichzeitig zu akzeptieren) und sie grundsätzlich auch als veränderbar zu erkennen. Eine Entkoppelung von Arbeit und Einkommen ist auch in der biblischen Tradition mit angelegt, genauer gesagt, es wird dem Recht des Menschen auf ein gutes Leben jenseits der eigenen Leistungsfähigkeit das Wort geredet. Kritik an unmäßigen Reichtum, an Fremdherrschaft, an Ausbeutung und unmenschlichen Steuerlasten durchzieht die prophetischen Bücher der hebräischen Bibel. Im Namen Gottes haben Amos, Jesaja und andere gesagt: So soll es nicht sein – und somit einen Denkraum eröffnet, indem sie ihre Gegenwart in den weiteren Rahmen von Gottes Gerechtigkeitsvorstellungen hinein stellten. Reichtum und Fremdherrschaft sind nicht gottgegeben, sondern veränderbar. Von hier führt der Weg zu den Visionen und Utopien, die wir ebenfalls in der prophetischen Tradition finden, Vorstellungen, wie die Welt im Sinne Gottes aussehen könnte, ja müsste – und am Ende der Zeit auch aussehen wird. Utopien wie Jesaja 65 eröffnen Denk- Möglichkeiten, lassen träumen und machen Hoffnung, weil ich weiß, hinter diesen Utopien stehen nicht nur Träume, sondern der bedingungslos liebende Gott, der Menschen aus und in der Fülle leben lassen möchte.

Bemerkenswert ist daher, dass auch Boom auf das utopische Potential des BGE verweist. Er erinnert daran, dass Gesellschaft immer in Bewegung ist und sich verändert. Zu diesem Prozess gehört immer der Blick zurück auf das Nicht-mehr und der Blick nach vorn auf das Noch-nicht. Hier haben Utopien ihren Ort. Booms zitiert Annemarie Pieper, die Utopien als »Bausteine einer zeitgemäßen Wirtschaftsethik« versteht:

»Utopien (…) haben eine innovative Kraft und zugleich eine gesellschaftskritische Funktion. (…) Was (…) heute not tut, sind praktische Gedankenexperimente, in denen auf dem Boden einer zeitkritischen Analyse ein Stück Zukunft antizipatorisch vorweggenommen wird.« (Pieper bei Booms, S. 16)

Mit dem Vorschlag des BGE wird an die grundlegende Veränderbarkeit der Gesellschaft erinnert und durch die utopische Möglichkeit ein Ausweg aus einer systemimmanenten Sachzwangdiskussion eröffnet. Damit aber weist die Idee des BGE zum einen über sich hinaus, zum andern auf den gegenwärtigen politischen Kontext zurück. Das eröffnete Denken ist wie ein Fenster, durch das frische Luft in einen Raum strömt und neue Lebenskräfte weckt.

Das Anknüpfen an Utopie ist gute biblische Tradition. Unsere Verheißung hat hier keinen Ort, sie kommt auf uns zu und liegt uns voraus und aktualisiert sich unter uns im Glauben. Die Verheißung des kommenden Reiches Gottes, das fragmentarisch unter uns bereits Realität annimmt, fordert uns auf, zeitkritische Analysen aufzunehmen und unsererseits ein Stück Zukunft vorwegzunehmen. Genau diese kritische Impuls findet sich bei den Propheten Israels wieder, die ausgehend von einer vielfach unguten gesellschaftlichen Situation es wagten, im Namen Gottes Hoffnungsbilder von einem anderen Leben zu malen. Hier können wir anschließen. Das utopische Potential des BGE weist darauf hin, dass unser heutiges Arbeits- und Wirtschaftssystem keineswegs immer und überall zum guten Leben aller führt, im Gegenteil. Es nimmt aber das Bild eines anderen Arbeitens, Lebens und Wirtschaftens auf und stellt diese Möglichkeit der Gegenwart gegenüber. Einfach gesagt: Es geht darum, vom Standort des Glaubens an den bedingungslos liebenden Gott – zu träumen: Was wäre, wenn…? Enno Schmidt führt dazu aus:

»Die Vorstellung eines zum Leben ausreichenden Einkommens ohne Abzug der Lebensleistung befreit die Seele. Und zwar noch ohne viele Gedanken und Details. Weil diese Vorstellung die Verhältnisse umkehrt. Ich bin nicht da, um mich einzufügen in die Verhältnisse, sondern die Verhältnisse sind für mich da. Und ich bin für die Welt da, dafür, dass meine Liebe Einfluss nehmen kann auf die Erde. Darin liegt etwas Kindliches, eben nicht Kindisches, nicht Nichtiges, auch nicht Vergreistes, nicht Verkrustetes. Für die Seele ist das Grundeinkommen Befreiung für die Welt und Verantwortung für mich. Es stellt die Frage nach der Lebensführung nicht aus Angst, sondern aus Ermöglichung. Die Seele fühlt sich zuhause und frei, von den Früchten des Gewesenen zu leben und von den Leistungen der Anderen, freigestellt und hineingestellt in die eigene Intention. Sie fühlt Handlungsfähigkeit.« (Enno Schmidt, Grundeinkommen für die Seele S. 2)

Das so eröffnete Denken, das zu träumen wagt, wie eine andere, »bessere« Welt aussehen könnte, muss sich aber der konkreten Gegenwart und der Frage nach ersten Schritten stellen, will sie nicht als Schwärmerei abgetan werden. Daher stellt das politisch-diskursive Potential schließlich die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft leben wollen. Das ist nach Booms keine Frage für Politiker oder Experten, sondern eine Frage an alle Bürgerinnen und Bürger, denn nur sie können die Frage beantworten in einem demokratischen Gemeinwesen, wie das gute Leben konkret aussehen soll. Diese Prozesse der Partizipation müssen aber organisiert und ermöglicht werden. Es ergibt sich folgende doppelte Chance und Aufgabe:

»Im Blick auf ihr politisches Aktivierungspotential in förmlicher Hinsicht hat die Idee des Grundeinkommens daher die Chance, einen ergebnisoffenen Diskurs über gesellschaftliche Orientierungsfragen aufzuwerfen, der eine vom Inhalt dieser Idee unabhängige Wertigkeit an sich aufweist. Zugleich erhebt das Grundeinkommen im Sinne eines soziopolitischen Konzepts aber Anspruch darauf, innerhalb dieses Diskurses als inhaltlich-konkrete Antwort in Konkurrenz zu anderen gesellschaftspolitischen Konzepten zu überzeugen.« (Booms, S. 20)

Der Gedanke, das Grundeinkommen als ein Erkenntnis-, Gestaltungs- und Handlungsprinzip auf der Basis eines Menschenbildes zu verstehen, das auf Vorschuss setzt, bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, an und in aktuellen Diskussionen anzuknüpfen – wenn die Engführung vermieden wird und der Dreiklang von Denkraumerschießung, utopischem bzw. politisch-diskursiven Potentialen wenn nicht immer konkret zur Sprache gebracht wird, aber zumindest immer mitgedacht bleibt.

6. Fazit: Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten

Das BGE als theologisch reflektiertes und begründetes Leitbild eröffnet eine Vielfalt von Dialog- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Kirche, Theologie und anderen gesellschaftlichen Kräften. Nur ein Beispiel möchte ich nennen.

Steffen Andrea und Matthias Grundmann haben vor einigen Monaten das kleine Büchlein »Gemeinsam! Eine reale Utopie. Wenningen 2025« veröffentlicht. Die Autoren gehen u.a. davon aus, dass es Modellprojekte geben könnte, dass einzelne Regionen oder Orte sich für einen Systemwechsel auf der Basis des Grundeinkommens entscheiden, diese Projekte öffentlich finanziert und von der Bevölkerung vor Ort mehrheitlich akzeptiert werden und dieser Prozess dann wissenschaftlich begleitet wird.

Auffallend war aber für mich, dass in der erzählenden Utopie von Andrea/Grundmann die Kirche mit keinem Wort vorkommt. Ich habe die Autoren daraufhin angeschrieben und gefragt: »Wo ist die Kirche?« Und die Antwort lautet: »Das fragen wir uns auch. Wo ist die Kirche, warum geht sie nicht mehr auf Gruppen zu, die sich mit dem Gemeinschaftsgedanken befasst?« Ich bin sicher: es gibt solche Gruppen. Aber die Rückfrage zeigt an, dass hier noch viel zu tun ist und auch viele Möglichkeiten bestehen. Insofern sehe ich im christlich begründeten Einsatz für die Idee des Grundeinkommens eine doppelten Chance: Einmal eröffnet sich die Chance, die unsere genuine Glaubenserfahrung in das Nachdenken über ein anderes Gesellschaftsprinzip einzubringen und zugleich sehe ich in der Diskussion über das vorschießende Grundeinkommen Ansatzpunkte für Gespräche neue Koalitionen, Bündnisse und gemeinsame Projekte zwischen kirchlichen und anderen Initiativgruppen, die an den gleichen Fragen »dran« sind wie wir.

Erstveröffentlichung auf dem blogmatthiasjung mit freundlicher Genehmigung von Matthias Jung

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Über Martin Bartonitz
Seit 21 Jahren beschäftigt mich das effiziente miteinander Arbeiten von Menschen. Zunehmend erkenne ich dabei die Vorteile des Kooperierens gegenüber dem des Konkurrierens und trete dafür ein. Sowohl auf der unternehmerischen als auch der gesellschaftlichen Ebene.

4 Responses to Bedingungslos geliebt. Leistung zwischen Vorschuss und Bewährung

  1. Ich hab den Text gerne zur Verfügung gestellt, weise aber auch noch mal ebenso gerne darauf hin, dass er mit weiteren Anmerkungen und Literaturverzeichnis auch als PDF erhältlich ist:
    VG, MJ

  2. meera says:

    lieber martin ..
    der text ist sehr gut und human gemeint
    aber angesichts des elends in der 3. welt
    und in den südländern wo ich jahrelang verbracht habe..
    die fast alles erzeugen was wir hier konsumieren
    kann ich es nicht gut heissen
    wenn wir als alleinige nation massenhaft geld zur verfügung
    haben während andere hungern und uns ernähren müssen..
    daher sollten wir erst alle grenzen öffnen
    und alle güter gleichmässig verteilen
    sowie auch das geld ..
    und EINE WELTREGIERUNG einführen

    • Liebe Heidi,
      ich kenne Dein Argument und sehe auch die Gefahr. Wenn das BGE allein umgesetzt würde, würde die erhöhte Kaufkraft tatsächlich die Ausbeutung der dritten Welt forcieren können.
      Helfen könnten da zwei Dinge:
      1. Die individuelle als auch unternehmerischen soziale Verantwortung (CSR), dafür zu Sorgen, dass die Ausbeutung in den anderen Ländern aufhört.
      2. Das BGE weltweit einzuführen. Auch die UN diskutiert das Thema.

      Eine ausführliche Auseinandersetzung Deiner Argumentation, denen auch die Autoren Flassbeck, Spiecker, Meinhardt und Vesper in ihrem Buch Irrweg Grundeinkommen: Die große Umverteilung von unten nach oben muss beendet werden vertreten, findest Du in Kein Irrweg – Rezension zu “Irrweg Grundeinkommen” von Ingmar Kumpmann:

      … [sie] stellen in ihrem Buch die Einkommensverteilung als ökonomisches Problem in den Mittelpunkt. Schritte zum bedingungslosen Grundeinkommen sind trotz ihrer Ablehnung durch die Autoren auch ein Weg, um die Verteilung gleichmäßiger zu machen. …

      Viele Grüße
      Martin

  3. Nur ein BGE ist keine Lösung. Es müsste, wie Dr. Franz Hörmann und die mutbuergerpartei.at empfehlen, ein Gesamtkonzept umgesetzt werden! Alles beste

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