Ist eine Transformation unserer Managementmethoden durch das Web zwingend notwendig geworden?


Wandel aufgrund erhöhter Wirtschaftlichkeit

Fakt ist, dass ein Umdenken der aktuell Herrschenden hin zu mehr Menschlichkeit im Umgang mit Untergebenen immer dann vollzogen wurde, wenn die Steigerung der Wirtschaftlichkeit zu erkennen war. So war es im Fall des Verbots der Sklaverei, der Aufhebung der Leibeigenschaft, des Verbots der Kinderarbeit, des Gebots der Hygiene durch die städtische Kanalisation als auch des Arbeitsschutzes, um nur einige der neuzeitlichen Errungenschaften zu nennen.

Gary Hamel

Gary Hamel

Unsere Wirtschaft wird exponentiell komplexer

Gary Hamel führt in seinem knapp 15 minütigen Vortrag Reinventing the Technology of Human Accomplishment aus, warum es wieder an der Zeit für eine wichtige Änderung im Umgang mit der menschlichen Ressource ist. Durch das Internet hat sich aufgrund frei verfügbarer Informationen der ständige Wandel im Geschäftsleben exponentiell verstärkt. Die vor 100 Jahren aus der Taufe gehobenen Managementmethoden zielte darauf ab, die Ressource Mensch möglichst effizient einzusetzen. Waren es damals einfache Arbeiten, so ist inzwischen aufgrund der gleichzeitig exponentiell steigenden Komplexität der Wirtschaft fast jeder Mensch im Arbeitsprozess ein Experte auf seinem Gebiet.

Die Pyramide dreht sich – Experte vor Manager vor Kunde

Kein Manager sei mehr in der Lage alles zu wissen, was die einzelnen Experten seines Team sich an Können angeeignet haben. Damit wandelt sich nach Ansicht von Gary Hamel die Rolle des Managers. Er wird quasi zum Dienstleister seines Teams. Inzwischen haben eine Reihe großer Firmen begonnen, die Rangfolge umzudrehen: Experte geht vor Manager geht vor Kunde. Und damit sind diese Firmen mit ihren kollaborativ arbeitenden Expertenteams deutlich innovativer und erfolgreicher und geben zunehmend den Druck auf die klassisch organisierten Firmen weiter.

Transparenz – Demokratie

Ein weiteres wichtiges Kriterium für Gary Hamel ist die Transparenz, die u.a. auch ein Zugpferd der Piraten ist. Ohne Transparenz ist ein demokratisches Prinzip in der Mitbestimmung von Strategien nicht möglich. Aufgrund der besagten Komplexität sei es fahrlässig, sich nur im kleinen Topmanagerkreis zu treffen und nicht die Intelligenz der Vielen zu nutzen.

Er fordert daher zwingend einen Paradigmenwechsel im Management, weg von der Schaffung menschlicher Automaten. Wer den Menschen nur als Automaten betrachtet, verpasst, dass dieser ein in höchstem Maße adaptives Wesen ist, ganz im Gegenteil zu einem hierarchisch organisierten Unternehmen. Agilität gepaart mit hoher Adaptivität an neue Herausforderung wird das Maß der Dinge sein. Management 2.0 halt.

Niels Pfläging

Niels Pfläging

Wirtschaften ohne Budgetierung

Ähnlich revolutionär in Hinsicht auf die Änderung von Management denkt der ehemaliger Controller Niels Pfläging: „Die Zwangsjacke, die sich Unternehmen durch exakte Pläne anziehen, wird immer enger. Doch alle Unternehmen können sich aus ihr befreien.“ War der Markt früher von Firmen mit ihren Produkten dominiert, so beginnen die Konsumenten viel bewusster zu kaufen und damit das Handeln der Firmen zu beeinflussen. Und wie beschrieben, ist das Informieren im Web leicht und jede Neuigkeit verändert das Kaufverhalten. Und damit wird jede zentralistische Planung (EU-Planwirtschaft lässt grüßen) zeitnah über den Haufen geworfen. Daher kommt auch hier die Aufforderung: gebt die Entscheidungen dorthin, wo am besten gewusst wird, was es braucht. Also auch hier die Machtumkehrung.

Interessant sind auch seine 12 neuen Gesetze der Führung, wie er sie in seinem Buch ausführt. Hier in Kürze als Beta-Kodex:

§1 Handlungsfreiheit: Sinnkopplung statt Abhängigkeit
§2 Verantwortung: Zellen statt Ab-teilungen
§3 Leadership: Führung statt Management
§4 Leistungsklima: Ergebniskultur statt Pflichterfüllung
§5 Erfolg: Passgenauigkeit statt Maximierungswahn
§6 Transparenz: Intelligenzfluss statt Machtstau
§7 Orientierung: Relative Ziele statt Vorgaben
§8 Anerkennung: Teilhabe Statt Anreizung
§9 Geistesgegenwart: Vorbereitung Statt Planung
§10 Entscheidung: Konsequenz Statt Bürokratie
§11 Ressourceneinsatz: Zweckdienlichkeit Statt Statusgehabe
§12 Koordination: Marktdynamik Statt Anweisung
Dr. Andreas Zeuch

Dr. Andreas Zeuch

Intuition hilft Komplexität zu meistern

War der rationale Geist beim Planen und Analysieren von Zahlenkolonnen gefragt, so gibt es im Kontext der besprochenen Komplexitätszunahme immer mehr Vertreter, die auf unsere intuitiven Fähigkeiten setzen. Empfehlen kann ich dazu das Buch Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen von Dr. Andreas Zeuch. Darin hat mir besonders gut die Beschreibung des Managements der Firma Lunge, einem Hamburger Produzenten für Laufschuhe. Aus dem Interview mit den Brüdern Lunge:

Aber da lange Pläne machen, welche Pflaume wohl als nächstes dran ist und dann eine Reihenfolge machen zu einem Zeitpunkt, wo man gar nicht weiß, wie die sich entwickeln? Das funktioniert nicht. Für uns haben Pläne nicht den Stellenwert, nach dem wir gefragt werden. Die Standardfrage von Journalisten lautet: “Wie sehen Ihre Pläne aus?” Haben wir nicht. Wir sehen einfach ein Potential und suchen einen Weg, um dieses Potential möglichst gut zu nutzen. Wo wir da landen, weiß ich auch nicht genau, weil wir eben flexibel sind. Das ist die große Chance.

Sehr inspirierend sind auch die Ausführungen von des Gehirnforschers und Unternehmensberaters Prof. Peter Kruse zu Entscheidungen im Kontext komplexer Probleme und der kollektiven Intuition:

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Dirk Hellmuth

Dirk Hellmuth

Wertewandel – Lebensqualität vor Reichtum

Auch Dirk Hellmuth von move2trends sieht einen Kulturwandel in den Unternehmen. So stellt er u.a. fest:

Die Führung des Unternehmens und der Mitarbeiter ist moderierend statt kontrollierend und gibt den Mitarbeitern maximalen Spielraum in der Erbringung der Leistungen. Als Grundsatz gilt ein hohes Vertrauen in die Mitarbeiter.

Nur wer der Führung eines Unternehmens vertraut, wird entsprechend emotional gekoppelt und damit hoch motiviert und loyal sein. Im Zuge der Demografie und dem Trend des zunehmenden Fachkräftemangels wird auch das Thema der gefühlten Lebensqualität der Mitarbeiter immer wichtiger.

Das unterstreicht eine Studie, die von Audi in Auftrag gegeben wurde. So ist in dem Artikel Die Generation Y ändert die Unternehmen zu lesen:

Die jungen Menschen suchen Herausforderungen, ein Job muss für sie spannend und abwechslungsreich sein. Sie wollen auch Verantwortung übernehmen, aber stärker für Inhalte und Sachthemen. Führungsverantwortung oder ein Aufstieg in der Hierarchie sind für sie nicht mehr so erstrebenswert wie für die Generationen vor ihr.

Sinnvoll Wirtschaften

Laut der wiederholt durchgeführten Engagement Index Studie von Gallup hat sich auch 2011 wieder gezeigt, dass nur 14% der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen haben, 63% eine geringe und 23% keine. Die Kosten für die innere Kündigung der wenig Engagierten wird auf ca. 123 Milliarden € jährlichen wirtschaftlichen Schaden beziffert.

Diese hohe Summe zeigt, dass noch richtig viel Potential in den Unternehmen zu heben ist. Die Frage ist, was zu tun wäre. Das netzwerk sinnvoll-wirtschaften sieht die Motivation für ein hohes Engagement in einer Sinn-gekoppelten Arbeit. Wer nur arbeitet, weil er sonst nicht leben kann, wird sich weniger einsetzen als Jemand, der z.B. einen wichtigen Beitrag für das Gemeinwohl erkennt.

Gebhard Borck, einer der Initiatoren, hat eine ebenfalls interessante Aufstellung in seinem per Blog-Artikel veröffentlichten eBook Affenmärchen – Arbeiten frei von Lack und Leder die folgende Aufstellung der alten und neuen Organisationsformen dargestellt:

Intrinsische Motivation

Dieses Thema lässt mich seit etwa 4 Jahren nicht mehr los. Seitdem ich mit ansehen durfte, wie die Motivationskurve unserer Entwickler bei SAPERION mit Einführung der agilen SCRUM-Methodik wuchs. Es wird die extrinsische und intrinsiche Motivation unterschieden. Verfechter der extrinsischen Motivation (X-Mensch) gehen davon aus, dass der Mensch von Natur aus faul ist und erst durch Belohnung oder Bestrafung zur Arbeit motiviert werden muss. Die Y-Menschensicht sieht eine innere Motivation etwas zu schaffen, wenn die eigenen Ziele damit berührt sind. Sinn-gekoppeltes Arbeiten halt.

Nun habe ich mich besonders gefreut, das Unternehmen intrinsify!me zu finden, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Intrisifyer aufzuspüren und diese mit passend schon motivierten Menschen zusammenzubringen. Auf ihre Homepage ist zu lesen:

HAPPY WORKING PEOPLE

intrinsify.me sorgt für mehr Leidenschaft, Begeisterung, Motivation und Spaß bei der Arbeit. Und damit für leistungsfähigere Menschen und Organisationen. Dazu beraten wir Unternehmen und vermitteln außergewöhnliche Jobs an ebenso außergewöhnliche Talente aus unserem Netzwerk.

Gemeinwohl-Ökonomie

Noch einen Schritt weiter geht die Initiative Gemeinwohl-Ökonomie. Sie beschreibt die grundlegenden Elemente einer alternativen Wirtschaftsordnung über folgenden drei Zugänge:

  • Der Wertewiderspruch zwischen Markt und Gesellschaft soll aufgehoben werden. In der Wirtschaft sollen dieselben humanen Werte belohnt werden, die zwischenmenschliche Beziehungen gelingen lassen.
  • Verfassungskonformität. Die Wirtschaft soll mit den heute bereits in den Verfassungen westlicher Demokratien enthaltenen Werten und Zielen übereinstimmen, was gegenwärtig nicht der Fall ist.
  • Die wirtschaftliche Erfolgsmessung soll von der Messung monetärer Werte (Finanzgewinn, BIP) auf die Messung dessen, was wirklich zählt, die Nutzwerte (Grundbedürfnisse, Lebensqualitätsfaktoren, Gemeinschaftswerten), umgestellt werden.

Ziel soll es sein, das Steueraufkommen von Unternehmen über ihre Gemeinwohl-Bilanz zu regulieren. Damit würde der Profit für wenig Freude-machende Unternehmen entsprechend gemindert. Wer also mehr Profit machen möchte, kann seine Gemeinwohl-Bilanz erhöhen.

Mein Bauch sagt mir, dass es ein erster guter Ansatz ist. Aber: es kommen schon wieder noch mehr Regularien hinzu, was das ganze noch komplizierter macht. Besser wäre doch, wenn die Unternehmer erkennten, dass ein Management 2.0 im Sinne einer Machtverschiebung in Richtung auf den adaptiven Mensch = Experten genügend Potential hebt.

Erkennbar ist, dass Konsumenten ihre Entscheidungen zur Bedarfsdeckung immer bewusster fällen. Damit werden Unternehmer auch ökologische Aspekte mehr berücksichtigen müssen. Das Corporate Social Responsibility rückt in der Priorität höher.

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Über Martin Bartonitz
Seit 21 Jahren beschäftigt mich das effiziente miteinander Arbeiten von Menschen. Zunehmend erkenne ich dabei die Vorteile des Kooperierens gegenüber dem des Konkurrierens und trete dafür ein. Sowohl auf der unternehmerischen als auch der gesellschaftlichen Ebene.

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