Das Demokratievakuum – ein Plädoyer für demokratische EntscheidungsKulturen in Unternehmen


Das höchste Gut

Was ist in unserer „westlichen“ Gesellschaft das höchste Gut? Es ist das Fundament zu so vielen anderen Annehmlichkeiten, die wir fast täglich genießen: Unsere Demokratie. Wir sind nicht mehr Sklaven, Leibeigene, Geknechtete, tumbe Masse. Wir dürfen uns jederzeit, sofern wir die (verfassungs-)rechtlichen Spielregeln einhalten, erheben und unsere Meinung sagen. Wir dürfen nicht nur, wir sind sogar aufgefordert, regelmäßig unsere Landes- und Bundesregierungen und deren zahlreiche Varianten in diversen Ländern frei ohne Furcht zu wählen. Sobald die Wahlbeteiligung niedrig ist, kritisieren wir dies. Sollten wir nicht einverstanden sein mit dem, was eine Regierung leistet, dann wählen wir sie ab. Ob dadurch unsere Vorstellungen und Ziele besser vertreten werden, ist eine andere Frage. Unbenommen bleibt die wertvolle Freiheit, mitzugestalten. Und wem das Wählen oder die Meinungskundgabe alleine nicht reicht, kann jederzeit selbst die politische Bühne betreten. Wer gegen die demokratische Grundordnung agiert, bekommt ein Problem. Zu Recht. Oder möchte jemand von Euch das Feudalsystem, die Monarchie oder vielleicht gleich am besten eine Tyrannei reaktivieren?

Das Demokratievakuum

Irrwitzigerweise haben wir aber kollektiv eine gewaltig globale Ausnahme geschaffen: Unsere Unternehmen. Der passende Spruch dazu wird gleich gratis mitgeliefert: „Das hier ist keine demokratische Veranstaltung!“ Ein markiger Spruch, dreisterweise noch in den Mantel der Aufklärung gehüllt.

Ist es nicht im höchsten Maße erstaunlich, dass wir berechtigterweise stolz sind auf unsere demokratische Gesellschaft und dies als zentralen Wert feiern, in der täglichen Arbeit aber plötzlich wieder zu alter, längst überkommener Ungleichheit greifen? Nur kurz zur Erinnerung:

Artikel 1 (1): Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Artikel 2 (1): Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Artikel 3 (1): Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

Artikel 5 (1): Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern…

Artikel 14 (2): Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

Artikel 38 (1): Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt.“

Zitiert aus unserem Grundgesetz.

Wenn ich mir Unternehmen anschaue, die keine demokratische Veranstaltung sind – sprich: Die meisten Firmen -, dann sind die oben erwähnten Grundrechte plötzlich nichtig. Menschliche Würde wird täglich mit Füßen getreten. Auch wenn es in „richtigen“ Diktaturen noch deutlich schlimmer ist, aber die arbeitsbedingten Depressionen, Stresserkrankungen, Substanz- und Medikamentenmissbräuche und dergleichen mehr sprechen Bände; die freie Entfaltung wird der Stellenbeschreibung und Weisungsbefugnis geopfert; Mitarbeiter und Führungskräfte sind vor den jeweiligen informellen Unternehmensspielregeln nicht mehr gleich; wenn jemand seine Meinung frei äußert, führt dies in vielen Fällen zu Abmahnungen oder gar Kündigungen; Eigentum wird durch das Top-Management eigennützig maximiert und Geschäftsführungen oder Vorstände werden nicht durch die Mitarbeiter gewählt, sondern diktatorisch durch sich selbst wieder inthronisiert, gemäß dem absolutistischen Motto: „Der Staat bin ich.“

Demokratische EntscheidungsKultur

Ein zentraler Aspekt einer neuen, menschlichen Wirtschaft ist folgerichtig die Entwicklung und Pflege einer demokratischen EntscheidungsKultur. Denn der Ausgangspunkt aller Erfolge und Misserfolge sind die kleinen und großen unternehmerischen Entscheidungen. Letztere bestehen aus drei, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren:

Somit umfasst die Demokratisierung der EntscheidungsKultur die Arbeit an allen Faktoren. Wenn wir kompetente Entscheider in allen Unternehmensbereichen auf allen Ebenen wollen, die nicht nur ihren Verstand und ihre Intuition einsetzen, dann bedarf es ebenso der Entwicklung der EntscheidungsKompetenz, wie der Einführung neuer Entscheidungsmethoden, um beispielsweise Massenentscheidungen oder intuitive Einzelentscheidungen überhaupt realisieren zu können.

Die Entwicklung der EntscheidungsKultur umfasst die Arbeit an fünf Prinzipien:

Anfängergeist – die Fähigkeit, einerseits eine profunde Expertise aufzubauen, aber sich davor zu hüten, das eigene Wissen heilig zu sprechen. Das gelingt, indem wir uns die Fähigkeit antrainieren, jederzeit von der Expertenposition in die des Anfängers zu wechseln. Dann können wir die Aufgabenstellung mit einem viel unverstellteren Blick betrachten. Darüber hinaus können wir jederzeit „Anfänger“ wie Praktikanten, Fachfremde, Kunden etc. in Problemlösungsprozesse einbinden. Wir sollten in Unternehmen also nicht nur auf die Seite der Expertise gehen, sondern die Aufgaben und Probleme auch durch die Augen des Anfängers betrachten.

Dann bedarf es eines viel höheren Maßes an Selbstorganisation, als wir es bislang in den meisten Unternehmen vorfinden. Menschen haben das Bedürfnis, ihre Umwelt zu gestalten. Ausnahmslos. Wenn wir das nicht in der Arbeit dürfen, dann machen wir das erfolgreich in der Freizeit. Der Gallup Engagement-Index 2011, demzufolge 86% aller deutschen Mitarbeiter nicht engagiert bei der Arbeit sind, verweist auf diesen Punkt. Mangelnde Gestaltungsmöglichkeit, und dazu gehört auch, die eigene Intuition umsetzen zu dürfen, ist ein wichtiger Auslöser für zerstörerischen Frust.

Drittens brauchen wir „Möglichkeitsräume“ um die Leidenschaft der Mitarbeiter, Zufälle und Fehler produktiv in Mehrwert zu verwandeln. Diese Räume befinden sich auf drei Ebenen: Im Individuum als Selbsterlaubnis und Glaube daran, dass wir nicht nur das wahrnehmen und denken, was bereits verwirklicht ist, sondern auch das Mögliche sehen und weiterdenken. Daraus folgt sofort, dass wir diese Räume auch in der Kultur zwischen den Akteuren eines Unternehmens brauchen. Es muss erlaubt sein, zu träumen, zu spinnen, ver-rückt zu sein. Natürlich nicht immer, aber ab und an. Und um das realisieren zu können, müssen die Möglichkeitsräume auch strukturell verankert sein: Mitarbeiter brauchen die Erlaubnis, in der Arbeitszeit dem nachgehen zu dürfen, was sie leidenschaftlich interessiert. Und um Zufälle zu nutzen und Fehler in etwas Produktives zu verwandeln.

Damit hängt eng die Fehlerfreundlichkeit zusammen. Wenn wir überall und dauernd versuchen, eine Null-Fehler-Kultur zu realisieren, bekommen wir Angst, Fehler zu machen, was die Wahrscheinlichkeit von Fehlern erhöht. Zudem suchen wir dann ganz schnell nach dem Schuldigen, um ihn anzuklagen und des Fehlers zu überführen. Das ist ein extrem unproduktives Arbeitsklima. Denkt nur an zwei Produkte, die aus Fehlern und Zufällen hervorgegangen sind: Post-its und Penicillin.

Schließlich brauchen wir Vertrauen. Wir leben jedoch häufig in krankhaften Misstrauenskulturen, in der zwanghafte Kontrolle zur Tagesordnung gehört. Wer ist schon gerne kreativ und produktiv für ein Unternehmen und deren Top-Management, dass dauernd unterstellt, man würde faulenzen, klauen oder Informationen veruntreuen?

Wenn wir unsere Unternehmen und damit unsere Wirtschaft erfolgreich in den nächsten Dekaden entwickeln wollen, müssen wir endlich damit beginnen, den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Demokratie und unternehmerischem Feudalsystem aufzulösen. Die Evolution zu einer demokratischen EntscheidungsKultur ist dabei ein zentraler Schritt.

Euer Andreas Zeuch

Und hier kommt noch ein Werbeblock. Klar in eigener Sache, aber hoffentlich auch im Sinne der Kulturförderung hin zu demokratischeren Unternehmensstrukturen. Könnte eine Weihnachtsgeschenk auch an Firmenangehörige sein, wie schon mehrfach erfolgt:

Zeuch, Andreas (2010): Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen
. Wiley-VCH, 262 Seiten gebunden, Schutzumschlag, 24,90 €.

„Feel it“ räumt mit diversen Managementlügen auf und entlarvt die „wissenschaftliche Betriebsführung“ als irrationales Glaubenssystem. Zeuch erläutert unterhaltsam, warum Intuitionen und Emotionen bei unternehmerischen Entscheidungen essentiell sind, wie Intuition trainiert und wie eine effektive EntscheidungsKultur aufgebaut werden kann. Diverse Abbildungen, Grafiken und Originalinterviews mit Top-Managern.

Rabattmöglichkeiten durch den Verlag:

10-19 Stück = 12% = 21,99€
20-49 Stück = 15% = 21,16€
50-99 Stück = 20% = 19,92€
100-199 Stück = 24% = 18,92€
ab 200 Stück = auf Anfrage

Anmerkung Martin: ich hatte vor zwei Jahren Gelegenheit, dass Buch selbst zu lesen und es hat mir geholfen, mich von einigen Denkblockaden zu befreien. Ein Resultat war dieser Artikel:

agiles Geschäftsprozessmanagement durch intuitive Improvisation a la SCRUM

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Über Dr. Andreas Zeuch
Ich begleite als Berater, Trainer und Coach (Non)Profitorganisationen auf dem Weg zu mehr Mit- und Selbstbestimmung. Mein aktuelles Buch (09_2015): Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten.) Blogs: http://www.unternehmensdemokraten.de | http://www.zeuchsbuchtipps.de Twitter: @zeuch FB: https://www.facebook.com/unternehmensdemokraten

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