Die Spielregeln der Budgetplanung aus einer vernetzten Denkperspektive


Müssen Manager und Führungskräfte vernetzt denken können? Wenn ja, sind wir dazu fähig? Es gibt doch Bildungseinrichtungen, die uns das Denken beibringen, oder?

Am Beispiel der derzeit praktizierten Budgetplanung möchte ich aufzeigen, was passieren kann, wenn das vernetzte Denken auf der Auswechselbank versauert und statt dessen das lineare Denken den Platz auf dem Spielfeld übernimmt.

Als erstes möchte ich ausführen, was vernetztes Denken auszeichnet und charakterisiert. Unter vernetztem Denken wird eine Art von übergreifendem Denken verstanden. Es ist eine Weise zu denken, bei der der Denkende keine oder wenn dann nur bewusst auferlegte Grenzen kennt. Grundgedanke beim vernetzten Denken ist, dass alles was existiert miteinander verbunden ist. Daraus folgert sich, dass wir alles miteinander in Beziehung setzen können. Wenn wir vernetzt denken wollen, müssen wir aus sehr vielen verschiedenen Bereichen Zusammenhänge finden und diese zu einem gewählten Thema zusammenführen. Um das Ergebnis des vernetzten Denkens dann schriftlich zu fixieren, reicht ein Text in der Regel nicht aus, da dieser rein linear und nicht ganzheitlich verknüpfend abgelegt werden kann. Eine Möglichkeit des Dokumentierens der Ergebnisse ist das Modellieren, egal ob qualitativ oder quantitativ, mit dem CONSIDEO MODELER. Man erhält ein Modell, welches bildhaft abgespeichert wird und damit die Vorteile gegenüber einem Text aufzeigt. Die wesentlichen Eigenschaften des vernetzten Denkens sind.

  • großräumig, sowie fächer- und themenübergreifend
  • verbindendend und zirkulär
  • offen und Zusammenhänge verknüpfend
  • grenzenlos und regelfrei
  • langfristig

Genau diese Denkweise wird im Rahmen der Erziehung und Bildung eben nicht gefördert. Das erkennt man alleine schon daran, dass in unseren Bildungseinrichtungen der Hang zum „Siloismus“ vorherrscht. Unterrichtsfächer werden in Schulen weitestgehend unabhängig voneinander geplant und durchgeführt. Ähnlich verhält es sich mit den Fakultäten an Universitäten.

Wenn nun das vernetzte Denken in unseren Bildungseinrichtungen nicht gefördert wird, müssen wir uns auch nicht wundern, dass Manager und Führungskräfte in Unternehmen eben nicht vernetzt denken, oder? Das dies nämlich nicht der Fall ist, möchte ich am Beispiel der Budgetplanung aufzeigen, bevor ich anschließend aus meiner Sicht klären möchte, warum wir uns schwer tun, diese Notwendigkeit anzuerkennen. Beleuchten wir die Budgetplanung aus einer vernetzten Denkperspektive, können wir folgende Spielregeln aufstellen.

  • Verhandle stets die niedrigsten Ziele und der höchsten Auszeichnungen!
  • Erreiche stets den Bonus, was immer es auch bedeutet!
  • Stelle Kundenzufriedenheit niemals über die Verkäufe!
  • Teile keine Ressourcen oder Wissen mit anderen Teams! Sie sind der Feind.
  • Frage stets nach mehr Ressourcen als Du benötigst, da sie sowieso herunter gekürzt werden!
  • Schöpfe stets das gesamte Budgets aus!
  • Erstelle niemals akkurate Forecasts!
  • Gehe niemals Risiken ein!

Schaue ich mir die Spielregeln an, wird mir die Absurdität der Budgetplanung bewusst. Ich hoffe Ihnen geht es ähnlich. Warum wird sie aber trotzdem angewendet?

Dazu habe ich folgende Gedanken und Ideen. Nach dem zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft in Europa völlig am Boden. Man stand wieder vollkommen am Anfang. In solchen Zeiten ist es relativ einfach zu wachsen. Es ist ja nichts da. Viele Maßnahmen unterschiedlichster Art, auch die die auf lineares Denken beruhten, führten zum Erfolg. Ein weiterer Punkt ist, dass Menschen im Rahmen der Evolution die Fähigkeit entwickelt haben, aus einer instabilen Umwelt stabile und konsistente Muster der Wahrnehmung zu erzeugen. Das ist die Basis unserer Wahrnehmungsfähigkeit in einer sich verändernden Welt. Dieser positive Effekt kann aber ins Negative umschlagen, wenn es um den Wandel geht. Menschen führen nämlich Handlungen, die in der Vergangenheit zum Erfolg führten, immer wieder aufs Neue aus, ohne zu reflektieren, ob diese Handlungen heute immer noch zum Erfolg führen. Dadurch verbauen wir uns sehr oft die Sicht auf die Notwendigkeit eines Wandels. Wir setzen uns Grenzen, über die wir nicht hinwegschauen und denken wollen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Rahmenbedingungen der Welt aufgrund des immer höher werdenden Vernetzungsgrades im Rahmen der Globalisierung immer schneller verändern. Es mag also vielleicht sein, dass die Budgetplanung irgendwann einmal ihre Berechtigung hatte. Ich hoffe es zumindest, denn sonst würde ich erst Recht nicht verstehen, warum diese eingeführt wurde. Fakt ist jedenfalls, dass sie heute ihre Daseinsberechtigung verloren hat. Das ist jedenfalls meine Meinung, wenn ich mir die oben aufgeführten Spielregeln anschaue.

Wo und wie kann man das vernetzte Denken erlernen? Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich möchte hier auf eine eingehen. Frederic Vester, der Vater des Vernetzten Denkens hat ein Spiel erfunden: Ecopolicy. Dieses Spiel stellt die Basis her, sich spielerisch im Umgang mit Komplexität einzuarbeiten, sich auf Basis des Vernetzten Denkens mit komplexen Systemen und der mit Vernetzung verbundenen hohen Dynamik auseinanderzusetzen und an Lösungen für eine tragfähige Zukunft zu arbeiten. Jährlich findet ein Wettbewerb, die Ecopolicyade, statt, in welchem sich Schüler und Schülerinnen im Umgang mit Komplexität messen können.

Unsere Kinder von heute sind die potentiellen Manager von morgen, die dann hoffentlich vernetzt denken können. Wir sollten allerdings nicht darauf warten, sondern schon vorher in die Vernetzung gehen. Let’s netz. 🙂

Über Conny Dethloff
Conny privat 2Diplom-Mathematiker und in der Wirtschaft tätig seit 1999. Berater und Manager mit Fokussierung auf die Themenbereiche Information Management und Change Management. Autor der beiden Bücher The Race – Change Management mit dem ChangeModeler und Von einem der auszog die Wirtschaft zu verstehen: Auszüge aus dem Logbuch der Reise sowie seines Logbuchs der Reise des Verstehens.

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10 Responses to Die Spielregeln der Budgetplanung aus einer vernetzten Denkperspektive

  1. Herrlicher erklärt, warum wir mit unserer Budgetierung inzwischen in Absurdistan gelandet sind. Es scheint mir nur noch ein Verwaltungsakt statt eines sinnvoller Führung zu sein.
    Wenn wir nicht schnellstens unser Bildungssystem auf die von Dir beschriebenen Ziele umstellen, werden wir gesellschaftlich und ökonomisch den Anschluss an die Länder verpassen, die quasi auf der grünen Wiese mit genau diesem Denken schon begonnen haben aufzuholen, wenn sie nicht schon in der Überholspur sind.
    Hier nochmals über den mehr als bedenklichen Zustand unserer Standardschulen:
    Kritik an unserem Schulsystem: darüber, wie wir unsere Kinder verdummen ….

    • Conny Dethloff says:

      Guten Morgen Martin,

      seit meine Tochter in der Schule ist – sie lernt jetzt in der dritten Klasse – befasse ich mich verstärkt mit dieser Thematik. Auch habe ich mit meiner Frau jemand an meiner Seite, die dem Thema beruflich nicht ganz fern ist. Sie ist nämlich Lehrerin am Gymnasium. 🙂 Einige meiner Gedanken und Ideen habe ich in meinem Logbuch veröffentlicht. Hier ein Beispiel: In der Schule verlernen Schüler das Denken

      Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie wir es mit unserem Bildungssystem schaffen, unseren Kindern die Freude und Begeisterung am Lernen zu nehmen. Und das dann noch nicht mal tiefgründig reflektieren. Wir glauben den Kindern mit den starren, unflexiblen und auf Wettbewerb getrimmten Strukturen und Prozessen Verantwortung für ihr Leben einzutrichtern, die wir ihnen aber eben mit diesen überhaupt erst genommen haben. In der Kita lernen die Kinder beispielsweise mit absoluter Hingabe „Laufen“ und „Sprechen“, und das ohne Benotung. Sie übernehmen Verantwortung. In der Schule finden Sie dann aber eine Umgebung vor, in der sie keine Verantwortung mehr übernehmen wollen. Sie sind nicht mehr sinngekoppelt. Und diese Sinnentkopplung zieht sich dann das ganze Leben durch.

      Und leider werden die richtigen Fragen in den Bildungsdebatten nicht gestellt. Also geht es immer so weiter. Hier muss aus meiner Sicht gehandelt werden. Im Kleinen machen meine Frau und ich das mit unseren Kindern, allerdings müssen wir dabei immer im Auge behalten, dass unsere Kinder dabei noch systemkonform bleiben. Das ist schwierig.

      Beste Grüße,
      Conny

      • Guten Morgen Conny,
        ja, das mit dem Spagat kenne ich von vielen meiner Bekannten, die auch schon bemerkt haben, was da in unseren Schulen abgeht.
        Vielen Dank frü den Link. Gerne würde ich diesen Artikel auch auf meinem Blog veröfentlichen, quasi als Fortsetzung. Magst Du auch Autor auf meinem Blog werden? Dann kannst Du auch selbst dort posten.
        Ich hatte noch gesammelt, welche Schulen es schon besser machen.
        Ebenso denkerische Grüße zurück, Martin

        • Conny Dethloff says:

          Hallo Martin,

          gerne kannst Du den Artikel bei Dir im Blog veröffentlichen. Gerne möchte ich auch selber bei Dir im Blog Autor sein.

          Beste Grüße,
          Conny

  2. Dr. Andreas Zeuch says:

    Guten Morgen Conny,

    danke für den Artikel! Die Idee, Budgets und deren Prozesse aus systemischer Sicht zu beleuchten finde ich wunderbar. Sehr schön. Und wie Martin schon sagte: So wird die Absurdität dieser Methodik offensichtlich.

    Ergänzend möchte ich noch hinzufügen: Ich glaube, es geht noch um etwas fundamental Emotionales. Budgets hängen von Forecasts ab. Wir schauen in die Zukunft. Und wer glaubt, die Zukunft zu kennen, beziehungsweise aus der Vergangenheit die Zukunft fortschreiben zu können, der hat Kontrolle über die Zukunft. Umgekehrt bedeutet die Einsicht, dass jegliche Prognosen immer nur Hilfskonstrukte sind, die völlig daneben liegen können, den Verlust der per Budgets suggerierten Kontrolle. Dahinter steckt für mich die fundamentale Angst, das Leben eben nicht kontrollieren zu können. Wir werden geboren ohne unseren Willen und ab da haben wir keine Kontrolle mehr, was genau wann passieren wird. Und das macht nun mal vielen Angst.

    Letztlich würde ich noch in einem Punkt widersprechen: Systemisches Denken ist weder grenzenlos noch regelfrei. Jeder Mensch kann gar nicht anders, als sich in den Grenzen seines relativ kleinen Denkens zu bewegen. Da kommt die konstruktivistische Perspektive rein. Wir sind immer auch Kinder und Denker unserer Wahrnehmungs- und Denkmuster aus der Vergangenheit. Und sich von denen zu lösen, ist eine echte Aufgabe. Zu Regeln: Jede positive oder negative Rückkopplung stellt eine Regel(ung) dar – mindestens damit ist systemisches Denken nicht regelfrei.

    Mal so in Kürze gesagt.

    Herzliche Grüße
    Andreas

    • Conny Dethloff says:

      Hi Andreas,

      da gebe ich Dir natürlich Recht. Was ist schon grenzenlos oder regelfrei? Nichts. Hier war ich in meiner Ausführung ein bisschen unsauber.

      Ausführlicher habe ich das vernetzte Denken in meinem Post Vernetztes Denken ist (noch?) eine Illusion ausgeführt. Das sind allerdings Details, die aus der Ebene, die wir derzeit beleuchten, keinen so großen Mehrwert liefert. Ich führe es hier nur aus, falls sich jemand detaillierter mit dem vernetzen (oder systemischen, oder ganzheitlichen) Denken auseinander setzen möchte.

      Beste Grüße,
      Conny

      • Dr. Andreas Zeuch says:

        Hi Conny,

        Ich glaube schon, dass vernetztes Denken für eine neue, sinnvolle, menschliche Wirtschaft wichtig ist. Eben weil die Dinge nicht schön sauber voneinander getrennt sind. Insofern fäde ich es sogar gut, wenn Du Dich des Themas hier weiter annehmen würdest 🙂

        HGA

        • Conny Dethloff says:

          Hallo Andreas,

          Deinem Wunsch werde ich gerne nachkommen.

          Beste Grüße,
          Conny

  3. Dr. Andreas Zeuch says:

    Hi Conny – super, da freue ich mich drauf! HGA

  4. Eric says:

    Leider scheint die Diskussion schon schnell wieder beendet. Hat deine Frau mit einem Team an der ecopolicyade teilgenommen? In diesem Jahr haben die Teams keine Gelegenheit, da der Wettbewerb in diesem Jahr nicht stattfinden wird. Wer viel Geld hat, kann aber sein Team nach Vietnam schicken, denn Australien und Vietnam laufen Europa auch in diesem Bereich den Rang ab. Wir haben es scheinbar nicht nötig.

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