Open(ing) Space für Nichtwissen – Intro & Teil 1


Liebe Leserinnen und Leser, liebe WirtschaftsDemokratInnen!

HO

Harrison Owen, Erfinder und Entwickler der Großgruppenmethode „Open Space“

Vor mittlerweile 5 Jahren veröffentlichte ich meinen Herausgeberband „Management von Nichtwissen in Unternehmen„. In dem Buch finden sich neben grundlegenden Artikeln zu Fragen und Herausforderungen des Umgangs mit zunehmender Unsicherheit durch Nichtwissen, Interviews mit Unternehmern wie Götz Werner auch Methodenartikel. Und zwar nicht  als die 27. Beschreibung einer schon lange bekannten Methode, sondern durch die Brille „Nichtwissen“ betrachtet. Dabei stellt sich heraus, dass eben jenes Nichtwissen, das viele automatisch mit Ohnmacht und Inkompetenz gleichsetzen, gerade den wertvollen Kern verschiedener (Groß-)Gruppenmethoden ausmacht. So wird Nichtwissen vom Problem zur Ressource!

Mir gelang es damals, Harrison Owen für mein Buch zu gewinnen. Er, der Erfinder und Grand Seigneur des Open Space, war schnell im Boot und hat einen schönen Artikel über seine Methode geschrieben. In den nächsten Tagen werden wir hier auf den Seiten der Initiative Wirtschaftsdemokratie unter der Rubrik „Methoden“ seinen Artikel in leicht verdaulichen Portionen wiedergeben – werktags täglich frisch.

„Das deutsche Word Nichtwissen hat – soweit mir dies bekannt ist – kein direktes englisches Pendant. Wissen ist leicht mit „knowledge“ übersetzbar, aber Nichtwissen ist völlig anders und hat ungleich mehr Tiefe, als die im Wörterbuch vorgeschlagene Übersetzung – Ignorance. Also stellt sich die Frage, welches englische Wort die Essenz von Nichtwissen transportiert, ohne den entwertenden Beigeschmack von „ignorance“: etwas Positives und Nützliches – die dem Wissen vorausgehende Bedingung? Ich denke, das Wort könnte Frage lauten.

In der gewöhnlichen Sprache stellen wir normalerweise Wissen neben Nichtwissen, ohne je an die Frage zu denken. Vielleicht erklärt das, warum wir, zumindest in amerikanischen Kreisen, in Wissen vernarrt sind, aber meist die Kraft und Bedeutung der Frage als Wegbereiterin des Wissens vergessen. Ignoranz ist etwas, das eliminiert werden sollte. Die Frage allerdings sollte in Ehren gehalten und kultiviert werden, schließlich ist Wissen ohne die Frage entwurzelt. In Worst-Case-Szenarien wird Wissen dann zur Bagatelle, zu beiläufigen Fakten und Gestalten ohne Möglichkeit, den Kontext und die Absicht zu verstehen. Bei unserem derzeitigen Interesse an  Wissenserzeugung, durch das Wissen zum Status einer Disziplin wie im Wissensmanagement erhoben wurde, ist es so, als ob wir das Spiel unseres Lebens mit einer auf den Rücken gefesselten Hand spielten.

Wissen und Wissensmanagement sind zum wesentlichen Thema für all diejenigen geworden, die an der Entwicklung der Zivilisation beteiligt sind. Für Unternehmen bedeutet die effektive Bearbeitung dieses Themas den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust. Das Thema ist nicht weniger wichtig für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, obwohl dort die praktische monetäre Messbarkeit weniger offensichtlich ist. In der Tat wurde dieses Thema so zwingend, dass Wissensmanagement mittlerweile kapitalisiert ist und sich ganze Abteilungen, Gesellschaften und Berufsgruppen etabliert haben, um die damit verbundenen Aufgaben auszuführen.

Das Definieren von Wissen ist ein flüchtiges Unterfangen, aber es mag genügen, dieses wichtige Element unserer menschlichen Unternehmung als die Gesamtsumme unserer kollektiven Erfahrung zu verstehen. Einige dieser Erfahrungen sind für unseren täglichen Gebrauch, für unsere Arbeit griffbereit, ein viel größerer Teil ist vergessen. Dieser wird zur Leidenschaft derjenigen, die sich dem Ausgraben unserer Vergangenheit widmen. Historiker aller Arten durchpflügen die Felder der Vergangenheit, hoffend, bedeutsame und nützliche Schnipsel und Einsichten zu finden. Wissensmanagement und -manager übernehmen die große Aufgabe, all dies zur Bereicherung unseres alltäglichen Lebens zusammenzuführen. So wichtig Wissen und Wissensmanagement auch sein mögen, mir scheint, dass unsere Fixierung darauf uns blind werden ließ für ein gleich bedeutendes, oder vielleicht sogar wichtigeres Anliegen: die Frage.

In den frühen 60ern fand ich mich an der John Hopkins University wieder, einer Zitadelle des Lernens und Wissens. In dieser Zeit war ich privilegiert, einen der führenden Genetiker zu treffen und kennen zu lernen: Bentley Glass. Im Lauf der Jahre sprachen wir über viele Dinge, aber was mir am besten in Erinnerung blieb, war seine Leidenschaft für das Fragen. An einem winterlichen Tag wendete sich unsere Unterhaltung seiner Arbeit zu und wie er das tat, was er tat. Offenherzig sagte er: „Eine große Entdeckung zu machen ist aufregend, wenn auch nur deshalb, weil sie unser Wissen erweitert. Wir belohnen Leute für solche Entdeckungen. Aber für mich liegt die wirkliche Leidenschaft in der Frage. Die Antwort zu bekommen ist einfach, wenn du nur die richtige Frage gestellt hast. Ich habe immer gedacht, dass wir Nobelpreise für Spitzenfragen haben sollten.“

1977 gewann Rosalyn Yalow den begehrten Nobelpreis für ihre Arbeit über nukleare magnetische Resonanz, die das Fundament nicht-invasiver medizinischer Bildgebung wurde (MRI). Roz, wie sie von ihren Freunden und Kollegen genannt wurde, arbeitete am US Department of Veterans Affairs, wo ich ebenfalls angestellt war. Als sie den Nobelpreis gewann, entschieden wir uns, einen Film über ihr Leben und ihre Arbeit zu machen. Der beste Teil war eine kurze Sequenz eines Interviews. Der Interviewer fragte provokativ: „Roz, warum tun Sie, was Sie tun?“, worauf Roz erwiderte: „Ich tue, was ich tue, weil ich an jedem Morgen, den ich in mein Labor komme, die Möglichkeit habe, eine Frage zu stellen, die nie jemand zuvor gestellt hat.“

Die Leidenschaft für die Frage oder die Ehrfurcht vor dem Ungewussten ist indes kein neues Phänomen. Ungefähr 500 n. Chr. hat ein christlicher Mystiker, bekannt als Dionysius Aeropagita, ausführlich über das geschrieben, was er die „große Wolke des Unbekannten“ nannte. Sie ist keineswegs mit Ignoranz zu verwechseln und erheblich tiefer als Wissen, Fakten, Theorien und in Wahrheit die tiefe Quelle allen Wissens – die Urfrage. Oder vielleicht sollten wir besser sagen: die Ur – Suche.

Man könnte argumentieren, dass früher christlicher Mystizismus wenig Relevanz für die derzeitige Modeerscheinung des Wissensmanagements hat und es würde mir schwer fallen, zu widersprechen. Ich vermute allerdings, dass diese Relevanzlücke eine profunde Schwäche im Wissensmanagement enthüllt. Die fundamentale Sorge gilt dem Wissen. Was fehlt, ist eine tiefe Anerkennung des Wissensfundaments – der Frage. Eine stabile Organisation würde beides beinhalten, Wissen und seine Quelle, die Antwort und die Frage. Und diese stabile Organisation muss sich nicht nur um die Ernte der Wissensfrüchte kümmern (Fakten, Gestalten, Theorien, Prozeduren), sondern auch um die Vorbereitung und Erhaltung des Feldes, auf dem alles Wissen wächst.“

Harrison Owen 2007

Aus: Zeuch, A. (Hrsg.) (2007): Management von Nichtwissen in Unternehmen. Carl-Auer. Gebunden, 254 Seiten. 29,95 € (Seite 151-153)

Teil 2 folgt morgen. Bis dahin Euch allen einen schönen Tag und

Herzliche Grüße

Andreas

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Über Dr. Andreas Zeuch
Ich begleite als Berater, Trainer und Coach (Non)Profitorganisationen auf dem Weg zu mehr Mit- und Selbstbestimmung. Mein aktuelles Buch (09_2015): Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten.) Blogs: http://www.unternehmensdemokraten.de | http://www.zeuchsbuchtipps.de Twitter: @zeuch FB: https://www.facebook.com/unternehmensdemokraten

7 Responses to Open(ing) Space für Nichtwissen – Intro & Teil 1

  1. Conny Dethloff says:

    Hallo Andreas,

    das ist ein sehr wichtiges und valides Thema. Ich freue mich auf die nächsten Teile.

    In vielen Debatten ist stets nur vom Wissen die Rede und Nichtwissen wird verteufelt. Dabei wird verkannt, dass mit dem Wissen stets das Nichtwissen angezogen wird. Es sind 2 Seiten ein und der selben Medaille, und das man nur aus bewusstem Nichtwissen, Wissen generieren kann. Man ist mit dem Wissen, welches man für sich generiert, überhaupt erst in der Lage, Nichtwissen, von dem man gar nicht weiß, in bewusstes Nichtwissen umzuwandeln, was dann Grundlage für das Lernen und damit für den Aufbau von Wissen ist.

    Beste Grüße,
    Conny

    • Dr. Andreas Zeuch says:

      Hi Conny,

      genau, besser könnte ich es nicht auf den Punkt bringen. Bacon hat uns mit seinem Diktum „Wissen sei Macht“ einen Bärendienst erwiesen. Jetzt lautet die logische Konsequenz nur noch: Nichtwissen ist Ohnmacht – wie unsinnig und wenig durchdacht. Harrison Owen arbeitet mit seinem Methodenartikel die Bedeutung der Frage in den kommenden Folgen gut aus.

      Ich sage ja: „Jede gute Antwort ist das Ergebnis einer noch besseren Frage.“ 🙂

      HGA

      • Conny Dethloff says:

        Hi Andreas,

        anbei poste ich einen Link zu einem Artikel, den ich im Dezember 2009 zum Thema Wissen vs. Nichtwissen verfasst habe: Funktionierendes Wissensmanagement

        Beste Grüße,
        Conny

  2. Kleiner Buchtip: Management von Ungewissheit: Neue Ansätze jenseits von Kontrolle und Ohnmacht

    • Dr. Andreas Zeuch says:

      Super, vielen Dank für den Tipp! Kannte ich noch nicht. Hab eben gleich ein Rezensionsexemplar bestellt.

  3. Rafael Knuth says:

    Danke für den sehr wertvollen Beitrag! Nichtwissen würde ich meinem eigenen Praxisgebrauch folgend mit „the unknown“ übersetzen. Nichtwissen lässt sich meiner Meinung nach auch mit Noch-Nicht-Wissen übersetzen, das einen langen Schatten in Form von Annahmen vorauswirft. Entscheidungen auf Basis von Annahmen sind streng genommen Wetten auf zukünftige Ereignisse … ganz ähnlich denen eines Investors, der auf steigende oder fallende Preise setzt. Die Kunst besteht nun darin, ein Portfolio von Annahmen aufzubauen und zu managen, das in der Zukunft per Saldo eine positive Rendite erwirtschaftet. Will sagen: Manche Annahmen erweisen sich als falsch, andere als richtig. Wie gewichtet man nun Annahmen? Das ist die schwierigste Frage. Eine periphäre Annahme kann sich bei deren Eintreffen als fundamental wichtig erweisen und vice versa. Die o.g. Analogie gilt meines Erachtens auch für andere Bereiche der Wirtschaft, ich selbst arbeite im Bereich der Informationstechnologie … die Herausforderung liegt auf meiner Spielwiese darin, Entscheidung auf Basis von Annahmen über Szenarien zu treffen, die auf Sicht von 10-20 Jahren eintreffen könnten.

  4. Dr. Andreas Zeuch says:

    Hi Rafael,

    danke für Deinen Kommentar. Bin gespannt, was Du denkst, wenn Du die weiteren Folgen des Artikels in den nächsten Tagen lesen wirst – das ist ja erst der Anfang 🙂

    HGA

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