Vernetztes Denken & Wahrnehmen ist doch möglich. Eine Replik auf Conny Dethloffs Teilabsage an vernetztes Denken.


Hi Conny,

danke für den tollen Artikel „Vernetztes Denken ist (noch) eine Illusion“! Du sprichst ein wichtiges Thema an. Hier meine kleine Replik dazu:

  1. Ja, es stimmt, dass wir im Allgemeinen unterscheiden müssen, um wahrnehmen zu können. Es gibt aber Beispiele, wie wir zumindest kurzfristig wesentlich vernetzter wahrnehmen können als normalerweise: Defokusiertes Sehen sowohl im Kampfsport, beim Jonglieren als auch im Speed-/Power- oder sonst was Reading. Ich kenne die Anwendung sowohl aus dem Kampfsport als auch aus dem Speedreading. Wenn es mir im (Frei-)Kampf gelingt, meinen Gegner defokussiert zu betrachten, sehe ich seine GANZE Gestalt, nicht nur seine linke Faust – was der typische Anfängerfehler ist: Das meiste ausblenden und auf ein Körperteil fokussieren. Das Ergebnis dieser Komplexitätsreduktion: Niederlage. Im Ernstfall: Einen oder mehrere Treffer eingesteckt…
  2. Ich glaube desweiteren, dass wir sehr wohl vernetzt denken können – aber kaum im Alltag, sondern in besonderen Situationen: das ist dann Denken unter verändertem Bewusstsein, man könnte auch sagen: mystisches Denken. Leider bringt das sofort viele Pseudorationalisten auf die Palme und gibt ihnen eine Steilvorlage für destruktive Argumente. Es gibt zahllose Dokumente mystischer Wahrnehmungen aus allen Kulturen (Buddhismus, christliche Mystik, indogene Religionen etc.), die genau dieses vernetzte Denken und Wahrnehmen beschreiben. Im Alltag bleibt davon jedoch nur eine sprachlich nicht kommunizierbare Grundhaltung. Ein GEFÜHL des Verbundenseins. Somit hast Du das Sprachproblem auch wunderbar auf den Punkt gebracht. Genau dieses Problem wird zum Beispiel im Zen-Buddhismus mit Koans nutzbar gemacht: Per Sprache werden Fragen, Aufgaben etc. formuliert, die das logische und sezierende vernetzte Denken überfordern. Eine Antwort lässt sich immer nur intuitiv finden.
  3. Aus 2.) folgt: Mit dem Navigieren unter Komplexität bewegen wir uns automatisch, wenn wir nicht den von Dir treffend beschriebenen Methodenfehler begehen wollen, in einer wie auch immer gearteten spirituellen Dimension. Und genau das ist vielen, wenn nicht den meisten Pseudorationalisten ein Greuel. Weil sie eben diese Dimension ablehnen. Es übersteigt Ihr Denken und Wahrnehmen! Es sprengt ihr newtonsches-cartsianisches Weltbild simpler linearer Kausalketten. Zusammenhänge, in denen kleine Ursachen immer nur kleine vorhersehbare Wirkungen erzeugen. Der dahinter liegende emotionale Grund ist nur allzumenschlich: Es ist die Angst einzugestehen, dass wir viel weniger rational verstehen und kontrollieren können, als uns lieb ist. Wir pflegen lieber die Illusion der Kontrolle. Die Rolle unseres Lebens ist die des Homo Faber.

Herzliche Grüße

Andreas

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Über Dr. Andreas Zeuch
Ich begleite als Berater, Trainer und Coach (Non)Profitorganisationen auf dem Weg zu mehr Mit- und Selbstbestimmung. Mein aktuelles Buch (09_2015): Alle Macht für niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten.) Blogs: http://www.unternehmensdemokraten.de | http://www.zeuchsbuchtipps.de Twitter: @zeuch FB: https://www.facebook.com/unternehmensdemokraten

5 Responses to Vernetztes Denken & Wahrnehmen ist doch möglich. Eine Replik auf Conny Dethloffs Teilabsage an vernetztes Denken.

  1. Hallo Andreas,

    danke für die Ergänzung zu meinen Gedanken. Ich habe in meinem Post am Ende eine Lücke zur Fähigkeit des vernetzten Denkens gelassen, die Du gefüllt hast. Sehr gut. Danke.

    Vor allem im dritten Punkt in Bezug auf Umgang mit Komplexität sprichst Du mir aus der Seele.Das ewige Gerede um Minimierung von Komplexität in Unternehmen muss endlich ein Ende finden.

    Beste Grüße,
    Conny

  2. Hi Conny,

    schön, dass Du das so siehst. Wir sind gerade dabei, dass gemeinsam zu ändern. Let’s do it!

    Dir noch ein schönes Wochenende.
    HGA

  3. Gilbert Dietrich says:

    Was sind „Pseudorationalisten“ und ist das ein „Kampfbegriff“ oder eine wertfreie Zuschreibung?

    • Dr. Andreas Zeuch says:

      Hi Gilbert,

      sorry, dass meine Antwort solange gedauert hat, ersaufe gerade hier in etwas Chaos mit ungeplanten Ereignissen, die viel Impro erfordern 🙂

      Zu den Pseudorationalisten – den Begriff habe ich im Rahmen meines letzten Buches Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen erfunden. Genauer eigentlich: „paradoxe Pseudorationalisten“. Ich meinte damit die Sachlage, dass viele, wenn nicht die meisten Manager und Betriebswirtschaftler Rationalität gemessen an der wissenschaftlichen Sachlage falsch verwenden, weil wir

      a) gar nicht rein rational denken, handeln und entscheiden können
      b) sowieso nie alle Informationen vorliegen haben, um auch nur theoretisch rational entscheiden zu können (bounded Rationality)
      c) längst keinen einheitlichen Rationalitätsbegriff mehr haben (Konzept der Transversalen Vernunft nach Wolfgang Welsch).

      Somit geben diese Personen eine Rationalität vor, die eben gar nicht rational ist, sondern vielmehr irrational. Anders gesagt: die paradoxen Pseudorationalisten erkennen nicht kritisch rational die Grenzen der (eigenen) Rationalität.

      Über diese logische und empirische Sachlage hinaus nutze ich den Begriff aber durchaus auch polemisch und provokant als Kampfbegriff.

      Habe ich damit Deine berechtigte Frage beantwortet?

      HGA

      • Gilbert Dietrich says:

        OK, wenn man kritisch rational die Grenzen seiner eigenen Rationalität erkennt, dann ist man „richtig“ rational? Eigentlich ja nicht, sondern man ist eben nur ein „bisschen rationaler“ oder eben ein bisschen weniger pseudo-rational. Die grenzen sind individuell eben enger oder weiter. Oder ist alles Quatsch mit Soße, weil wir keinen einheitlichen Rationalitätsbegriff mehr haben? Spannendes Thema. Was würde Wittgenstein sagen?

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