Kant und Selbstorganisation


Warum dieses Thema?
Es gibt doch schon „Open Space“, das Prinzip der „Genossenschaftlichen Selbstverwaltung“ oder die „Ökonophysik“ usw. bzw. kybernetische Theorien zum Thema von Hermann Haken, Heinz von Foerster, Peter Senge etc.?

Die einfache Antwort darauf lautet:
Jedes dieser praktischen Systeme bzw. jede dieser System-Theorien dazu haben aus meiner Sicht ein und dasselbe Defizit, das ihrer ureigenen Intention im Wege steht – sie sind systematisch (also blaupausenmäßig und planabhängig) begründet!

Einfacher ausgedrückt:
Es gleicht dem Versuch, Spontaneität zu „konstruieren“ oder durch ideelle Modellverordnung alle Fußgrößen in ein und desselben Schuh zu zwängen und zu erwarten, dass sich so Fortschritt erzwingen bzw. verbessern lässt.

Wer sich nun Beispiele von Selbstorganisation in der Natur ansieht, der kann unschwer erkennen, dass es in keinem Fall einen „Demiurgen“ (so eine Art Sklavengaleerenkonstrukteur und -kapitän in Personalunion) gibt, der, wenn auch unsichtbar oder nur sporadisch auftretend, die „Fäden in der Hand hält“, antreibt, bestraft und zwangskoordiniert.

Um bei dem Bild zu bleiben:

Die bisherigen Versuche, diese Art der Selbstorganisation auf menschliche bzw. betriebliche Verhältnisse zu übertragen, gleicht dem Versuch, eine Marionette selbstbelebend zu machen, indem man ihre bisherigen Dutzend Leitfäden wegschneidet und den letzten verbleibenden (vermeintlich unverzichtbaren) unsichtbar macht, um so die Illusion einer Nicht-Marionetten-Marionette zu erstellen.
Es ist unschwer ersichtlich, dass eine Marionette eine Marionette ist und eine Marionette bleibt, solange das Marionettenprinzip angängig ist, unabhängig wie extrem reduziert oder schwer erkenntlich gemacht es ist.
Die Gretchenfrage lautet demnach:
Kann man Pinocchio von seinen Fäden befreien?

Im Märchen ist es eine gute Fee. Und in der Wirklichkeit?

„Fee“ kommt von lat. „fatum“ (Schicksal), daher auch „fata“ für die römischen „Schicksalsgöttinnen“ (vgl. auch „Parzen“, „Moiren“ oder „Nornen“).
Kennzeichen aller Variationen der Schicksalsgöttinnen ist das Attribut des Schicksalfadens bzw. des Fadenspinnens, -flechtens.
„Schicksal“ ist demnach auch „Verhängnis“ und weist auf die Verstrickung in das Netz der Bedingungen bzw. verflochtenen Wechselwirkungen hin.

In Begriffen wie „Leitfaden“ oder Mythen wie dem „Ariadnefaden“, der aus dem Labyrinth führt wird diese Idee weitergeführt.

Welche Art von „Faden“ oder „Verflechtung“ ist nun hinreichend geeignet das Paradoxon von der Befreiung von Führfäden durch einen fadenlosen Leitfaden zu erfüllen?
Gibt es bereits ein dementsprechendes Analogon in der Wirklichkeit?
Gibt es.
Es ist das Genom.

Das Genom ist so ein Schicksalsfaden der als Leitfaden in weiten Teilen unsere Geschicke prädestiniert.

Wie funktioniert das?
Das Genom ist nichts anderes als ein Sequenzschalter, der unter bestimmten Bedingungsverhältnissen einen von 100.000en von Schaltern nach dem anderen entweder zu der einen oder anderen Seite umlegt, wie ein Weichensteller und so selbst zum „restrictioner“ wird, zum Bedingungsgeber.

Beispiel Kinematik:
„Die Kinematik (altgriech. Κίνημα kinema ‚Bewegung‘, von κινεῖν kinein ‚bewegen‘) ist die Lehre der Bewegung von Punkten und Körpern im Raum, beschrieben durch die Größen Position, Geschwindigkeit und Beschleunigung, ohne die Ursachen der Bewegung (Kräfte) zu betrachten. Die Bewegung ist im Allgemeinen durch Zwangsbedingungen, z.B. die konstante Fadenlänge bei einem Pendel, eingeschränkt. Durch solche kinematischen Bindungen reduziert sich die Anzahl der Freiheitsgrade eines Körpers.“ (Quelle: wikipedia)

Um zum Beispiel die Einhaltung einer Höchstgeschwindigkeit auf einer Straße garantiert zu 100% sicher zu stellen, ist es nicht nur unsinnig, sondern geradezu falsch, dabei auf Vorschriften mit repressiver Gesetzgebung, Schilderwahnsinn, Ampelmanie, Blitzer etc. zu setzen, denn all diese Maßnahmen sind durchweg nicht ausnahmslos

Eine angemessene Lösung wäre eine Straßenführung, die selbstorganisierend das Fahrverhalten beeinflusst durch Bedingungsgestaltung, die unerwünschte Freiheitsgrade schlicht nicht zulässt, ohne dadurch den Verkehrsfluss oder die Zielsicherheit auch nur im geringsten zu gefährden – also etwa Kurven, Verengungen, Kissen, Bodenwellen u.ä.

Beispiel Entscheidung:
Wenn Jemand vor der Frage nach dem besten Weg von A nach B steht – welchen Weg wird er bei möglicher freier Wahl nehmen?

Er wird sich selbst ausbilanzieren und fragen wie schnell, mit welchem Aufwand, unter welchem Risiko möchte er von A aus bei B angelangen?

Dann wird er diese eigenen Vorgaben mit den Möglichkeiten des Geländes abgleichen und dadurch mit Sicherheit eine Alternative entdecken, die ihm – ausgehend sowohl von den Rahmenbedingungen, die er aus sich selbst heraus formuliert hat, als auch von den faktischen Gegebenheiten – auskömmlich erscheint und diese wählen, beschreiten, ohne dass irgendeine Vorschrift oder ein Kontrolleur darüber wacht oder dies für ihn organisiert – denn das braucht es schlicht nicht.

Wenn man dieses Entscheidungsverhalten untersucht, dann stellt man fest, dass grundsätzlich der Grad an Friktion in Konsequenz der eigenen Entscheidung und des eigenen Verhaltens darüber befindet, welche von den verfügbaren Verhaltensvarianten – gemessen an den eigenen Bedürfnissen – am auskömmlichsten erscheint und deshalb intrinsisch befolgt werden wird (das schließt selbstorganisiertes Korrekturverhalten bei anfänglicher Fehleinschätzung ausdrücklich mit ein).

Ich muss weder verbieten noch Strafen androhen oder Schilder benutzen oder Verhinderungs- bzw. Weisungspersonal aufstellen, um z.B. Wasser in eine gewünschte Richtung zu leiten.

Wenn ich also einen Leistungsfluss herstellen will, der alle/s mitnimmt und er/trägt was in diesem sich so biotopisch tummeln mag, dann brauche ich lediglich ein Friktionsgefälle.
Der Rest ist quasi ein Selbstläufer (Vgl. etwa Solidarisierung von völlig unterschiedlichen Menschen unter Visionsbedingungen, wo das dazu nötige Vehikel gemeinschaftlich erzeugt wird, alle Hand anlegen beim Betreiben des Visionsvehikels und alles von selbst „umschifft“ wird, was der Vehikelsicherheit und der Visionsnähe abträglich ist.
Diejenigen Sonderexemplare, die sich kategorisch außerstande sehen, eine Zielvision mit anderen zu teilen, sind halt auf dem falschen Dampfer und sollten dringend umbuchen^^)

Aufgrund dieser prinzipiellen Friktionsabhängigkeit selbstorganisierten Zielverhaltens nenne ich dieses Verfahren der Rahmenbedingungsgestaltung zur Sicherstellung intrinsisch-motivierter Zielsicherheit „frictioneering“(Konglomerat aus engl. „friction“ + „engineering“ = Design von Widerstandsbedingungen als Leitmedium für Zielsicherheit) Worin liegt der Vorteil in dieser Vorgehensweise um erwünschte Ergebnisse zu erzielen? In der üblichen Variante muss trainiert, extrinsisch verändert, kontrolliert und nicht selten genug auch repressiv vorgegangen werden – also ein unverhältnismäßig hoher Aufwand, der überdies keine Zielsicherheit vorzuweisen hat (wie der immer noch aktuelle Bedarf an Lösungsmodellen zum Thema nach wie vor bekundet).

In der von mir vorgeschlagenen Variante geht es „nur“ darum, Rahmenbedingungen zu formulieren, die geeignet sind, das gewünschte Zielsicherheitsverhalten aus eigenem Antrieb sicher zu stellen.

Also eine Art „Verhaltensraum-Design“, so wie z.B. Notausgänge aufgrund vergleichbarer Experimente und Ergebnisse mit 2 Säulen als Raum- und Massenteiler Drängeln, Quetschen und Verstopfen der Ausgänge verhindern, ohne dass jemand da steht und vergeblich versucht, die Masse zu regulieren oder Hinweisschilder und im Büro liegende Notfall-Ordner vergleichbare Ergebnisse zeitigten.

Wenn ergänzend dazu noch eine verschränkte Rückkopplung zwischen all denen, die grundsätzlich an derselben Zielsicherheit arbeiten, hergestellt wird und so ein Selbstregulativ über ein Friktionsnetzwerk „installiert“ wird und die Zielorientierung sich deckt mit den Bedürfnis-Attraktoren (intrinische Zielmotivation, die auch geeignet ist, Unterschiede zwischen den beteiligten Individuen zu überbrücken und Unterschiede nicht als lästig-störend empfunden werden, sondern als notwendige Ergänzung zur eigenen Zielorientierung!) der Beteiligten, sind die optimalen Rahmenbedingungen für die gewünschte Zielsicherung gegeben.

Kant´s „normative Kraft des Faktischen“ erfährt so ein kleines Revival und Pinocchio ist zwar nicht fadenfrei, aber der Faden liegt in ihm begründet und ist keine abschnürende Schlinge um seinen Hals…

Diese Überlegungen wurden bisher noch nicht wirklich auf die Betriebsebene konsequent zu Ende gedacht, geschweige denn umgelegt.

Deshalb dieser Artikel.

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2 Responses to Kant und Selbstorganisation

  1. Ich frage mich gerade, ob auch die Pinocchio-Geschichte eine Metapher ist wie so viele der neuen Filme wie Die Truman Show, Matrix, Avatar oder noch viele andere, die unser Gesellschaftssystem kritisch durchleuchten, ohne dass die meisten Zuschauer es gleich sehen. Jedenfalls gefällt mir das Bild der Marionette sehr passend 🙂
    Momo nicht zu vergessen …

  2. Interessant. Auch hier eine 1-Sterne-Beurteilung ohne Begründung. Schade, denn so wird eine weitere Chance zum Erkenntnisgewinn vertan …

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