Eine Streitschrift: Verlieren wir Menschen unser Selbstvertrauen, wenn wir gelobt und getadelt werden?


Seit ich beobachten durfte, wie sich Menschen hinsichtlich ihrer Motivation positiv verändern, wenn sie sich innerhalb eines SCRUM-Prozesses im Team selbst organisieren können, hat mich das Thema Lob und Tadel noch mehr gefesselt. Meine Eltern hatten für uns Kinder, drei an der Zahl, ein Belohnungssystem für gute Zensuren in Klassenarbeiten und Zeugnissen eingeführt. Resultat: es wurde nun mehr für das Geld als für das eigene Interesse an den dem Erkenntnisgewinn durch das Erlernte gearbeitet. Da ich das nachträglich intuitiv als nicht zielführend erachtete, habe ich das meinen drei Kindern nicht mehr angeboten. Sie sollten es allein als subjektiv-eingefärbtes Feedback für ihren Arbeitsstand auffassen.

Kleine Kinder fallen über 4.000 Mal auf die Nase und rappeln sich immer wieder selbst auf. Und das tun sie auch, wenn sie nicht gelobt oder getadelt werden. Sie freuen sich von selbst, wenn sie ihre Entwicklung reflektieren. Kann es sein, dass wir mit unserem Konzept des Loben und Tadels etwas grundlegend Unzuträgliches für das Selbstvertrauen unsere „Anbefohlenen“ machen?

Hannelore Vonier ist dem Thema auf ihrem Blog auf den Leib gegangen. Und da sie ihn zur freien, nicht kommerziellen Verwendung lizensiert hat, möchte ich ihren Artikel hier zur Diskussion stellen:

Lob und Tadel – die Selbstvertrauen zerstörende Kraft, von Hannelore Vonier

Yequana-Kinder

Yequana-Kinder

Kinder verhalten sich von sich aus sozial. Eine Vorstellung, die uns fremd ist. Durch Erziehung wird das natürliche Sozialverhalten untergraben.

Im Dschungel Venezuelas trifft eine junge Amerikanerin auf die Yequana-Indianer. Fasziniert vom offenkundigen Glück dieser “Wilden”, bleibt sie insgesamt zweieinhalb Jahre bei dem Stamm und versucht, die Ursachen dieses glücklichen Zusammenlebens herauszufinden. Vertraute Denkweisen werden ihr dabei immer fragwürdiger, immer größer wird ihre kritische Distanz zu Zivilisation. Sie erkennt, wie unsere Gesellschaft in jedem Menschen neu die angeborenene Glücksfähigkeit zerstört, und schreibt ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Kindererziehung ohne Zivilisationsneurosen. Mit ihrem Buch wurde Jean Liedloff weltbekannt.

Jean Liedloff schreibt viel über die das Selbstvertrauen zerstörende Kraft von Lob und Tadel. Hier ein Ausschnitt:

Ich war Zeuge der ersten Augenblicke im Arbeitsleben eines kleinen Mädchens. Die Kleine war ungefähr zwei Jahre alt. Ich hatte sie bei den Frauen und Mädchen gesehen; während diese Maniok in einen Trog rieben, spielte sie. Jetzt nahm sie ein Stück Maniok vom Haufen und rieb es an dem Reibholz eines Mädchens in ihrer Nähe. Das Stück war zu groß; sie ließ es bei dem Versuch, es über das raue Brett zu führen, mehrmals fallen. Von ihrer Nachbarin erhielt sie ein liebevolles Lächeln und ein kleineres Stück Maniok, und ihre Mutter, auf das Auftauchen des unvermeidlichen Impulses schon vorbereitet, reichte ihr ein winziges Reibholz für sich allein. Das kleine Mädchen hatte die Frauen beim Reiben gesehen, solange es zurückdenken konnte, und so rieb es sofort das Klümpchen an seinem Reibebrett auf und ab wie die anderen.

In weniger als einer Minute verlor es das Interesse und rannte weg, ohne dass das Maniokstück merklich kleiner geworden wäre, wobei es sein kleines Reibholz im Trog ließ. Niemand gab ihm zu verstehen, dass seine Geste komisch oder eine “Überraschung” sei; in der Tat erwarteten die Frauen sie früher oder später; sind sie doch alle vertraut mit der Tatsache, dass Kinder an der jeweiligen Kultur teilnehmen, wenngleich dabei Methode und Tempo von individuellen Kräften in ihnen selbst bestimmt werden. Es steht dabei außer Frage, dass das Endergebnis im Einklang mit der Gesellschaft stehen und auf Zusammenarbeit und völliger Freiwilligkeit beruhen wird.

Erwachsene und ältere Kinder tragen nur die Hilfe und Vorräte bei, die sich ein Kind unmöglich selber beschaffen kann. Ein Kind, das noch nicht sprechen kann, ist sehr gut in der Lage, seine Bedürfnisse klar zu machen, und es ist sinnlos, ihm etwas anzubieten, was es nicht braucht; schließlich ist das Ziel der kindlichen Aktivitäten die Entwicklung von Selbstvertrauen. Bietet man ihm entweder mehr oder weniger Unterstützung an als es braucht, so wird dieses Ziel leicht vereitelt.

Fürsorge wird, ebenso wie Unterstützung, nur auf Verlangen gewährt. Nahrung für den Körper und Umarmen als Nahrung für die Seele werden weder angeboten noch vorenthalten, sie werden jedoch stets, einfach und anmutig, als Selbstverständlichkeit zur Verfügung gehalten. Vor allem wird die Persönlichkeit des Kindes in jeder Hinsicht als gut respektiert. Weder gibt es den Begriff eines “unartigen Kindes”, noch wird umgekehrt irgendeine Unterscheidung hinsichtlich “braver Kinder” getroffen.

Es wird angenommen, dass das Kind in seinen Motiven in Übereinstimmung, nicht im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Was immer es tut, wird als Handlung eines von Geburt an “richtigen” Geschöpfes anerkannt. Auf dieser Annahme der Richtigkeit bzw. des Sozialtriebes als eines eingebauten Wesenszuges der menschlichen Natur gründet die Einstellung der Yequana gegenüber anderen Menschen jedweden Alters.

“Erziehen” im ursprünglichen Sinne bedeutet “herausführen”, doch obwohl dieser Weg dem weitverbreiteten Verständnis “eintrichtern” überlegen sein mag, ist keiner von beiden mit den entwickelten kindlichen Erwartungen vereinbar.

Von einer älteren Person herausgeführt oder geleitet zu werden, bedeutet Einmischung in die Entwicklung des Kindes, da dieses hierdurch von seinem natürlichen, wirksamsten Weg fortgeführt wird zu einem, der dies in geringerem Maße ist.

Die Annahme eines angeborenen Sozialtriebes steht in direktem Gegensatz zur allgemeinen zivilisierten Überzeugung, dass die Triebe eines Kindes zwecks Erziehung zu sozialem Verhalten gebändigt werden müssten. Einige meinen, dass Erklärungen und “Kooperation” mit dem Kind diese Bändigung besser bewerkstelligten als Drohung, Beschimpfung oder der Rohrstock.

Die Annahme, das Kind sei von Natur aus gesellschaftsfeindlich und benötige Manipulation, um für die Gesellschaft akzeptabel zu werden, ist jedoch beiden Ansichten nicht minder zu eigen als den verbreiteteren Auffassungen zwischen diesen beiden Extremen.

Wenn uns an Kontinuum-Gesellschaften wie den Yequana wirklich etwas von Grund auf fremd ist, so ist es diese Annahme eines angeborenen Sozialtriebes.

Erst wenn wir von dieser Annahme und allem, was sie beinhaltet, ausgehen, wird die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen ihrem merkwürdigen Verhalten und dem daraus resultierenden intensiven Wohlbefinden einerseits und unseren sorgfältigen Überlegungen bei außerordentlich viel geringerem Wohlgefühl andererseits verständlich. Die gängigen Mittel von Lob und Tadel sind absolut zerstörerisch gegenüber den Motiven von Kindern, besonders der kleinsten. Wenn das Kind etwas Nützliches tut, wie sich selbst anziehen oder den Hund füttern, ein Sträußchen Feldblumen hereinbringen oder aus einem Tonklumpen einen Aschenbecher machen, so kann nichts entmutigender sein als ein Ausdruck der Überraschung darüber, dass es sich sozial verhalten hat.

“Oh, was für ein liebes Mädchen!”, “Seht mal, was Stefanie ganz alleine gemacht hat!” und ähnliche Ausrufe deuten an, dass soziales Verhalten bei dem Kind unerwartet, uncharakteristisch und ungewöhnlich ist. Sein Verstand mag sich darüber freuen, doch sein Gefühl wird voll Unbehagen darüber sein, dass es gegenüber dem von ihm Erwarteten, dem, was es zu einem wahren Bestandteil seiner Kultur, seines Stammes, seiner Familie macht, versagt hat.

Selbst bei Kindern untereinander wird ein Satz wie: “Mensch, guck mal, was die Vera in der Schule gemacht hat!”, wenn er mit hinreichendem Erstaunen geäußert wird, der Vera ein unbehagliches Gefühl des Getrenntseins von ihren Spielkameraden vermitteln, gerade so, als hätten sie in demselben Ton gesagt: “Mensch, die Vera ist aber dick!” – bzw. dünn oder lang oder klein oder tüchtig oder dumm, aber jedenfalls nicht so, wie man es von ihr erwartet hätte.

Lob und Tadel sind zerstörerisch

Lob und Tadel sind zerstörerisch

Lob und Tadel sind zerstörerisch, da ein Kind von seinem natürlichen Weg fortgeführt wird.

Tadel, besonders wenn er verstärkt wird durch ein “Du-machst-das-immer”-Etikett, ist mit seiner Andeutung, dass antisoziales Verhalten erwartet wird, gleichfalls zerstörerisch. “Das sieht dir ähnlich, dein Taschentuch zu verlieren”, “Der denkt nur an Unfug”, ein resigniertes Schulterzucken, eine umfassende Anklage wie “Typisch Jungens”, die impliziert, dass die Schlechtigkeit tief in ihnen drinsteckt, oder auch einfach ein Gesichtsausdruck, der anzeigt, dass ein schlechtes Benehmen keine Überraschung war, haben die gleiche verheerende Wirkung wie Überraschung oder Lob für ein Zeichen von Gemeinschaftsgeist.

Auch die Kreativität kann durch den Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen nach Kooperation verletzt werden. Man sagt nur etwas wie: “Nimm dein Malzeug auf die Veranda; ich möchte nicht, dass du hier drinnen eine Schweinerei machst”. Die Botschaft, dass das Malen eine Schweinerei verursacht, geht nicht verloren, und der Drang nach Kreativität müsste schon enorm sein, um das grundlegende Bedürfnis des Kindes, zu tun, was seine Mutter von ihm erwartet, zu überwinden.

Ob es nun mit einem süßen Lächeln gesagt oder wie ein Schlachtruf hervor gestoßen wird: die Aussage über die Schlechtigkeit des Kindes ist gleichermaßen wirksam.

Die Annahme eines angeborenen Sozialtriebes erfordert einige Kenntnis sowohl vom Inhalt wie der Form der kindlichen Bestrebungen und Erwartungen. Sie sind eindeutig nachahmend, kooperativ und der Erhaltung des Einzelwesens und der Gattung dienlich.

Diese Kenntnis des angeborenen Sozialtriebes und der angemessene Umgang damit ist im Patriarchat verloren gegangen. Selbst, wenn wir einsehen, dass Lob und Tadel zerstörerisch wirken, weil sie manipulativ sind (auch zwischen Erwachsenen), wir wissen nicht, wie wir ohne auskommen könnten. Es steht uns keine Handlungsalternative zur Verfügung.[2]
Quellen/Anmerkungen:

  1. Jean Leadloff: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit.
  2. Dieser Text ist ein Ausschnitt aus meinem umfangreicheren Artikel “Selbstbestimmte Kinder in indigenen Gesellschaften“, ein Dialog mit einem allein erziehenden Vater.
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Über Martin Bartonitz
Seit 21 Jahren beschäftigt mich das effiziente miteinander Arbeiten von Menschen. Zunehmend erkenne ich dabei die Vorteile des Kooperierens gegenüber dem des Konkurrierens und trete dafür ein. Sowohl auf der unternehmerischen als auch der gesellschaftlichen Ebene.

4 Responses to Eine Streitschrift: Verlieren wir Menschen unser Selbstvertrauen, wenn wir gelobt und getadelt werden?

  1. Gerade auf Facebook erhalten:

    „Dein Kommentar löst in mir Widerstand aus.“
    oder
    „Dein Kommentar macht mich froh…“
    …ist weder Lob noch Tadel.
    Lob:
    „Das ist ein toller Kommentar!“
    Tadel:
    „Der Kommentar ist grottenschlecht…“
    Was uns letztlich zu wahrhaftiger Kommunikation führt…

    • Dr. Andreas Zeuch says:

      Das schlimmste: „Dein Kommentar ist mir scheißegal.“ – Deshalb lieber Kritik als Ignoranz!

  2. Eva Selan says:

    Hallo Martin,
    ja, dem stimme ich zu: lieber Kritik als Ignoranz … @Andreas Zeuch

    In diesem Sinne: danke, Martin, für deinen Kommentar beim Artikel „Wertschätzung kommt von Werten“ (http://www.hrweb.at/2013/01/wertschatzung-lebt-von-werten). Unsere beiden Artikel sind ja zufällig sehr zeitgleich erschienen!

    Lg, Eva

    • Hallo Eva,

      diese von mir angesprochene Synchronizität von Ereignissen mit ähnlichen Inhalten nehme ich seit einem Jahr immer verstärkter wahr. Ob es dann doch keine Zufälle sind? Oder das Denken über diese Zusammenhänge ist wie unser Schuldgeldsystem auch in der steilen exponentiellen Phase? Dann gäbe es allerdings Hoffnung, dass wir aus den sich verstärkenden Krisen noch heil herauskommen 🙂

      Herzlich, Martin

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